Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Kapitel 2 - Seite 4

Tessa trat in die Wohnung. Ein kleiner Flur mündete direkt in einen großen Wohnraum, der mit gemütlichen Möbeln bestückt war. Es roch schwach nach Vanille. Tessa zuckte zusammen, entdeckte dann aber in einer Steckdose eine Flasche mit Raumduft. Sie entspannte sich und sah sich um.

„Links befinden sich die Küche, das Gästezimmer und das Bad", erklärte Marga gerade. 

„Mein Schlafzimmer ist auf der rechten Seite. Setzt dich doch. Im Sitzen spricht es sich bequemer. Willst du was essen?“

Tessa schüttelte den Kopf.

„Nein, danke. Du hast mich gebeten dir zu erklären, wer ich bin und das ist nicht mit zwei Worten getan. Aber ich muss dich warnen. Wissen kann manchmal gefährlich sein. Du machst dir damit Feinde. Soll ich trotzdem weitersprechen?"

Marga nickte und setzte sich auf die Armlehne des einzigen Sessels im Raum.

„In Ordnung", sagte Tessa und wanderte langsam durch das Zimmer.

„Kannst du dir vorstellen, dass es außer der Erde noch andere bewohnte Welten gibt?"

Marga betrachtete sie skeptisch.

„Ich bin nicht so vermessen zu behaupten, dass wir Menschen die einzigen intelligenten Lebewesen sind, doch ich bezweifele, dass andere so nah bei uns sind, dass sie uns besuchen kommen", erklärte sie.

„Schade", sagte Tessa, „denn ich komme von so einer Welt. Einer Welt, die parallel zu der hier existiert, eurer Spiegelwelt. Wird hier auf der Erde ein Kind geboren, wird es das bei uns auch. In dem Moment, in dem das Erdenkind zum ersten Mal in einen Spiegel schaut, schaut ihm das Kind aus der Spiegelwelt entgegen. Das Band ist geknüpft. Der Mensch und sein Spiegelbild haben zusammengefunden. Das Gesetz der Weltordnung ist erfüllt. Yin und Yang."

Sie blieb stehen und sah Marga direkt an.

„Was aber geschieht, wenn Spiegelbilder anfangen, zu rebellieren? Wenn sie unsere Welt verlassen und in eure eindringen wollen? Sie werden zu einer tödlichen Gefahr und hier komme ich ins Spiel. In der Spiegelwelt werden ab und zu Kinder geboren, die keinen menschlichen Teil haben, also nichts widerspiegeln. Diese Kinder nennen wir die Hüter. Sie sind frei und dazu bestimmt, die Weltordnung zu erhalten, zu verhindern, dass ein Spiegelbild zur Gefahr für seinen menschlichen Teil wird oder noch schlimmer, in eure Welt gelangt. Unter den Hütern gibt es wiederum Wesen, die in beiden Welten leben können. Die Erwählten. Ihre Aufgabe ist es, die Spiegelbilder zu fangen und zu vernichten, denen es gelungen ist, die Welten zu wechseln. Allerdings sollte dies geschehen, ohne das die Menschen es bemerken. Und schon gar nicht sollte auf sie geschossen werden. Ich habe dich in Gefahr gebracht und das tut mir leid.“

„Rebellierende Spiegelbilder“, sagte Marga und klatschte Beifall.

„Respekt! Das ist eine wirklich ausgefallene Halloween Geschichte.“

Tessa ließ sich nicht beirren.

„Ich weiß“, sagte sie, „es ist schwer zu glauben. Aber erinnere dich. Das Spiegelbild, das dich umklammert hatte, nannte mich „Erwählte“. Ich will versuchen es dir an einem Beispiel zu erklären. Du kennst doch bestimmt diese Tage, an denen du dich super fühlst. Du bist davon überzeugt, dass deine Augen strahlen, das Kleid das du trägst deiner Figur schmeichelt und deine Haare perfekt sitzen. Bis zu dem Moment, in dem du unterwegs in einen Spiegel schaust. Deine Augen haben dunkle Schatten, deine Haare hängen wie schlaffe Spaghetti und das Kleid, das du trägst, lässt dich aussehen, wie eine geblümte Litfaßsäule. Das ist der Anfang von einer Manipulation eines Spiegelbildes, dass frei sein möchte. Denn, obwohl du dich eben noch großartig gefühlt hast, glaubst du dem, was du siehst.“

„Wie dumm von mir. Darauf bin ich noch gar nicht gekommen. Ich bin bisher davon ausgegangen, dass ich in so einem Fall vielleicht zufällig in einen Zerrspiegel sehe, das Licht schlecht ist oder das Kleid mir wirklich nicht so gut steht, wie ich dachte“, sagte Marga und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Und warum sollte das Kleid dir plötzlich nicht mehr so gut stehen, wie bei der Anprobe? Du bist doch immer noch die gleiche Person“, warf Tessa ein und sah, wie Marga nachdenklich zu ihrem Kopftuch griff.

„Und ein Zerrspiegel ... wer bestimmt denn, welcher Spiegel das wiedergibt, was real ist? Könnte es nicht vielleicht so sein, dass ein Spiegel dir immer nur das wiedergibt, was dein Spiegelbild dich sehen lassen möchte? Wie erklärst du dir sonst, dass Menschen magersüchtig werden? Sie bestehen nur noch aus Haut und Knochen, aber wenn sie in den Spiegel sehen, sehen sie sich fett und rund. Ihr Spiegelbild suggeriert ihnen, dass sie weiter abnehmen müssen. Bis zu ihrem Tod.“

„O.k.“, sagte Marga und ließ sich von der Lehne in den Sessel fallen.

„Gehen wir mal davon aus, dass deine verrückte Theorie wahr ist. Warum sollten Spiegelbilder ihren menschlichen Teil töten? Was haben sie davon?“

Sie wippte mit den Beinen.

Tessa ging zum Fenster und sah hinaus. Dann wandte sie sich wieder zu Marga.

„Ein Spiegelbild, das seinen Menschen durch Suggestion tötet, tritt aus dem Spiegel und nimmt von dessen Körper Besitz.“

„Oh Mann“, Marga schüttelte den Kopf, „jetzt wird’s richtig interessant. Lass mich kurz zusammenfassen: Das Spiegelbild kriegt es hin, dass der Mensch stirbt, und nimmt Besitz von seinem toten Körper? Was macht das aus ihm? Einen Zombie?“

Tessa schüttelte den Kopf.

„Nein, der Name, den ihr ihnen gegeben habt, lautet Vampir. Ihr behauptet, dass Vampire kein Spiegelbild haben und das stimmt. Wie könnten sie auch. Sie sind ja selbst welche. Allerdings ernähren sie sich nicht von Blut, sondern von Lebensenergie. Wenn eins ihrer Opfer stirbt, helfen sie damit dem nächsten Spiegelbild in diese Welt. Doch nicht nur deshalb muss ich sie aufhalten. Wenn ein Mensch durch die Suggestion eines Spiegelbildes oder den Energieentzug eines Vampirs stirbt, tritt das Spiegelbild so schnell in seinen Körper, dass die Seele diesen nicht verlassen kann. Sie wird in dem toten Körper gefangen gehalten. Nur so können die Toten unter den Lebenden wandeln. Nur wenn der Vampir vernichtet wird, kommt die Seele frei.“

Marga starrte Tessa mit großen Augen an.

„Du glaubst das wirklich, nicht wahr?“, fragte sie.

„Hast du hier irgendwo einen Spiegel?“, entgegnete Tessa.

Marga nickte.

„Natürlich. In meinem Schlafzimmer, wieso?“

„Lass uns einen Blick hineinwerfen.“

„Aber du hast doch vorhin gesagt, dass keiner von uns in den nächsten zwölf Stunden in einen Spiegel schauen darf“, wandte Marga ein.

„Wenn meine Geschichte erfunden ist, hast du doch nichts zu befürchten, oder?“

Tessa sah Marga abwartend an.

„Na, dann los“, sagte Marga, aber es klang unsicher.

Sie erhob sich und ging zu ihrem Schlafzimmer. Tessa folgte ihr. Als Marga die Tür öffnete und das Licht einschalten wollte, hielt Tessa sie zurück.

„Warte, gib mir deine Hand und schließ die Augen. Ich sage dir, wann du sie wieder öffnen kannst.“

Marga warf Tessa einen kurzen Blick zu, reichte ihr dann aber widerstandslos die Hand. Tessa, schaltete das Licht ein, führte sie durch das Zimmer und blieb neben ihr stehen. Noch immer hielt sie Margas Hand fest.

„Jetzt“, sagte sie und beobachtete, wie Marga die Augen öffnete und scharf Luft holte. Tessa sah zu dem Barockspiegel, der vor ihnen stand. Es war, wie erwartet, nur ein Spiegelbild darin zu sehen.

Das von Marga. 

 

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Soviel sei vorweg verraten:

Dieses Mal bekommen Christina, Jo und Noah es zwar mit einem wütenden Poltergeist und einem schwarzen Engel zu tun, doch der wahre Feind lauert im Verborgenen

 

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