Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Kapitel 2 - Seite 3

„Sind außer dir noch alle Partyteilnehmer im Raum?“, wollte Tessa wissen.

„Ich glaube, wieso?“ fragte Sandra und betrachtet Tessa mit schief gelegtem Kopf.

„Ich erkläre es dir drin, komm bitte noch mal mit rein.“

Tessa hielt Sandra die Tür auf. Diese warf Marga einen fragenden Blick zu. Marga zuckte mit den Schultern. In der Leichenhalle roch es nach Alkohol, Zigaretten und diversen Parfums. Darunter lag ein schwacher Duft von Formaldehyd und Vanille. Tessa bezweifelte allerdings, dass jemand außer ihr diesen speziellen Duft wahrnahm. Etwa fünfundzwanzig Personen standen oder saßen im Raum. Die meisten hielten sich die Köpfe oder murmelten Sätze wie: „Wenn ich den Witzbold erwische ...“

Tessa kletterte auf einen Stuhl und rief: „Alle mal herhören. Dreht euch bitte um und seht mich an. Alle.“

Erstaunte Gesichter wandten sich ihr zu. Tessa schaute nacheinander jedem Partygast in die Augen und suchte danach Margas Blick. Mit samtweicher, beschwörender Stimme sagte sie: „Keiner von euch darf in den nächsten zwölf Stunden in einen Spiegel schauen, habt ihr das verstanden?“

Kollektives Nicken.

„Wenn ihr in einem Raum mit Spiegeln seid und den Blick nicht abwenden könnt, schließt die Augen, seht nicht in reflektierende Schaufenster oder Fensterscheiben. In nichts, was euer Bild widerspiegelt. Solltet ihr meinen Rat nicht befolgen, werdet ihr sehr bald wieder hier sein. Dann allerdings nicht als Partygäste. Und jetzt“, Tessas Tonfall wurde wieder normal und sie sprang vom Stuhl, „brauche ich einen Arzt. Noch lieber wäre mir eine Ärztin. In einem der Obduktionsräume liegt eine Frau, die dringend Hilfe braucht.“

Eine ältere Frau mit kurzen, grauen Haaren, in einem Nonnenkostüm, trat zu ihr.

„Dr. Hansen", stellte sie sich vor.

„Wo liegt die Frau?“

Tessa führte Dr. Hansen zum Obduktionsraum. Die Ärztin schaltete beim Eintreten das Licht ein und zuckte unmerklich zusammen.

„Danke, dass sie nach einer Ärztin gefragt haben,“ sagte sie.

„Obwohl es kaum einen Arzt geben dürfte, der Marilyn nicht schon mal in dieser Position gesehen hat, wäre es ihr bestimmt peinlich, wenn sie einer von ihnen so aufgefunden hätte.“

Dr. Hansen untersuchte Marilyn rasch und routiniert und ging dann eilig zu einem Wandtelefon.

„Ich brauche dringend ein Rettungsteam im Obduktionsraum links. Nein, das ist kein Halloween Scherz. Hier liegt eine Frau im Sterben und ich weiß nicht warum. Bewegt euch!"

Dann wandte sie sich an Tessa: „Bevor ich nicht weiß, was diesen Kollaps hervorgerufen hat, kann ich keinem der Partygäste erlauben, das Krankenhaus zu verlassen. Ich hoffe, sie verstehen das.“

Tessa nickte.

„Ich warte bei den anderen.“

Es war bereits weit nach Mitternacht, als Dr. Hansen endlich Entwarnung gab. Marilyn hatte nichts Ansteckendes. Es war vielmehr so, als hätten ihre Organe von einem Moment zum anderen beschlossen, nicht mehr zu arbeiten. Tessa, die diese Nachricht erwartet hatte, erhob sich und sah Marga an.

„Gibt es hier in der Nähe ein billiges Hotel?“

Marga überlegte einen Moment, dann sagte sie: „Ich habe ein Gästezimmer. Wenn du willst ...“

Tessa zögerte. Schließlich nickte sie. „Gerne danke.“

Sie verließen das Krankenhaus. Marga warf Tessa einen Seitenblick zu und fragte: „Du hast doch immer noch deine Pistole, oder?“

„Ja, warum fragst du?“

„Die Abkürzung zu meiner Wohnung führt durch den Stadtpark. Normalerweise würde ich den längeren Weg nehmen, aber wenn du meinst, dass es nicht gefährlich ist, wäre ich für jeden Schritt, den ich weniger tun muss, dankbar.“

Tessa zog ihren Sucher hervor und schaute auf den Display. Eisblaue Punkte, immer in Bewegung. Sie konnten überall sein, doch keines war in der Nähe. Zumindest nicht im Moment.

„Ich schätze, wir können es wagen. Wo geht’s lang?“

Marga zog Tessa nach links und sie folgten einem kleinen, dunklen Trampelpfad, der um das Gebäude herum führte. Tessa sah sich aufmerksam um, doch die sie umgebenden Büsche waren undurchdringlich. Der Pfad mündete nach kurzer Zeit in einen breiteren Weg und nun wurde es auch heller. In regelmäßigen Abständen standen Straßenlaternen und beleuchteten die Parkwege. Was sich hinter den mal näher und mal weiter entfernt wachsenden Büschen und Bäumen abspielte, konnte man allerdings nicht sehen. Kurz, bevor sie den Ausgang des Parks erreicht hatten, blieb Marga stehen und sah Tessa an. Sie räusperte sich und sagte: „Ich schätze, auch wenn du auf mich geschossen hast, kann ich dir vertrauen, aber ich möchte wissen, wer du bist und was es mit deinen angeblichen Spiegelbildern auf sich hat. Und ich will deine Pistole. Versteh mich nicht falsch. Ich kenne dich nicht und nehme dich mit in meine Wohnung. Ich würde mich einfach wohler fühlen. Obwohl, wenn du mir was hättest tun wollen ...“, sie verstummte.

Tessa griff in die Innentasche ihres Mantels, zog eine kleine silberne Pistole heraus und hielt sie ihr entgegen.

„Schon gut", sagte sie, „nimm die hier. Mir ist es sowieso lieber, wenn du auch eine hast. Können wir jetzt gehen? Ich stehe im Freien nicht gerne lange an einer Stelle.“ Marga sah sie verblüfft an, nahm die Pistole entgegen wie eine heiße Kartoffel und setzte sich dann wieder in Bewegung. Sie verließen den Stadtpark durch ein schmiedeeisernes Tor, überquerten eine Straße, und gingen auf eine Neubausiedlung, bestehend aus sechs weißen Mehrfamilienhäusern mit roten, spitzen Dächern, zu. Marga wohnte im ganz linken der Häuser. Auf dem Parkplatz davor befanden Autos. Marga zeigte auf einen gelben Käfer Cabriolet.

„Meiner“, sagte sie stolz.

„Aber heute wollte ich ja eigentlich richtig feiern. Deshalb bin ich zu Fuß unterwegs.“ Tessa betrachtete den Wagen mit hochgezogener Augenbraue, sagte aber nichts. Sie folgte Marga zur Haustür und hinauf in den letzten Stock. Marga öffnete die einzige Tür, die sich dort befand, drückte auf einen Lichtschalter und sagte einladend: „Mir gehört der ausgebaute Dachboden. Komm rein.“

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Der zweite Teil der Aussenseiter Saga nimmt Formen an.

Soviel sei vorweg verraten:

Dieses Mal bekommen Christina, Jo und Noah es zwar mit einem wütenden Poltergeist und einem schwarzen Engel zu tun, doch der wahre Feind lauert im Verborgenen

 

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