Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Seite 4 - Kapitel 1: Das Buch

 

Die Einkaufsstraße hatte sich gefüllt. Männer in Anzügen und gestylte Frauen mit Aktentaschen hasteten von einem Geschäft zum anderen. Dazwischen gab es ein paar ältere Menschen, die langsam an den Schaufenstern entlang gingen und natürlich Kinder. Die eine oder andere Familie war ebenfalls unterwegs und ich fühlte einen leisen Stich der Eifersucht.

Als ich kurz stehen blieb, um einem Vater dabei zuzusehen, wie er seiner Tochter ein Eis kaufte, hatte ich mit einem Mal wieder das Gefühl, beobachtet zu werden. Mein Blick fiel auf einen Mann in dunklem Anzug, der mich anstarrte. Als er bemerkte, dass ich ihn ebenfalls ansah, wandte er sich abrupt ab und ging davon. Was sollte das denn?

Ich blickte ihm überrascht nach, setzte mich dann aber wieder in Bewegung. Ich wollte nach Hause. Zum einen, weil ich Hunger hatte und zum anderen, weil ich das Gefühl beobachtet zu werden, nicht los wurde. Fast erwartete ich, dass Mathilde mich einholte und festhielt. Vielleicht wäre es doch besser, wenn ich zurückginge und ihr erzählte, was geschehen war. Doch das seltsame Buch war sehr alt gewesen. Und wahrscheinlich auch sehr teuer. Ich drehte mich ein letztes Mal um. Hinter mir war niemand und es starrte mich nun auch niemand mehr an. Ich beschloss mein Taschengeld im nächsten Monat zu sparen und dann zurückzugehen, um zu beichten. Zumindest würde ich Mathilde dann Geld als Entschädigung anbieten können.


 

Als ich nach Hause kam und die Wohnungstür aufsperrte, lief mir Kleine, meine Katze, entgegen. Kurz vor mir blieb sie jedoch stehen und ihr getigerter Schwanz, der eben noch wie ein kleines Fragezeichen nach oben gestanden hatte, verwandelte sich in eine buschige Flaschenbürste.

Na, Kleine, was ist denn mit dir los?“

Ich bückte mich, um die Katze zu streicheln.

Diese blieb einen Moment in regungsloser Entfernung, starrte mich an und kam dann schließlich doch auf mich zu. Ich streichelte sie ausgiebig und der Flaschenbürstenschwanz verschwand nach und nach. Schließlich lief Kleine maunzend in die Küche. Ich erhob mich.

Mama?“, rief ich, obwohl ich bereits ahnte, dass ich alleine war. Ich schloss die Tür, hängte den Schlüssel an einen Haken gleich daneben und schnitt mir selbst in dem Spiegel, der über unserem hellgelben Schuhschrank hing, eine Fratze. Dann zog ich die Schuhe aus, brachte die Tüte mit dem Buch in mein Zimmer und folgte der Katze in die Küche. Kleine lief mir entgegen und dann wieder zu ihrem leeren Napf, doch ich ignorierte sie vorerst und ging hinüber zum Kühlschrank. Ein Zettel hing daran. Schon von Weitem erkannte ich die Schrift meiner Mutter. Ich hatte es heute morgen tatsächlich geschafft, vor ihr die Wohnung zu verlassen.

Komme heute spät. Habe einen neuen "Fall". Essen ist im Kühlschrank. Vier Minuten in die Mikrowelle. Habe dich lieb, Mama“, las ich halblaut.

Ich seufzte. Meine Mutter hatte einen neuen „Fall“, was wohl bedeutete, dass irgendein Archäologe merkwürdige Zeichen, Artefakte oder Schriften gefunden hatte, die sie analysieren sollte. Sie war Spezialistin für so was, und wenn sie erst mal mit etwas Neuem angefangen hatte, würde es dauern, bis sie zurück in dieser Welt und dieser Zeit war. Ich zog mich auf den Tresen aus Kiefernholz, der in der Mitte der Küche stand und sowohl als Arbeitsplatte, als auch als Esstisch diente, und ließ die Beine baumeln. Vielleicht war das der Grund, warum mein Vater uns verlassen hatte. Er hatte eine Firma für Unternehmensberatung. Seine Welt bestand aus Zahlen und Fakten. Er lebte im Hier und Jetzt. Vielleicht hatte es ihm nicht mehr gereicht, dass seine Frau nur manchmal in eine Welt zurückkam, in der er sich immer befand. Vielleicht aber auch nicht.

In meinem Inneren zog sich etwas zusammen. Vielleicht war es ja doch meine Schuld. Vielleicht hatte sich mein Vater ja eine schöne und beliebte Tochter gewünscht und nicht solch einen Trampel wie mich. Er und Mama hatten mir zwar versichert, dass die Scheidung nichts mit mir zu tun hatte, aber trotzdem. Vielleicht war er gegangen, weil ich immer alles falsch machte, herunterfallen ließ und umstieß und er hatte es nur nicht sagen wollen. Als Kleine leise maunzend neben mich sprang, schob ich die düsteren Gedanken beiseite.

Morgen war der erste Tag an der neuen Schule und ich wusste noch nicht einmal, was ich anziehen wollte. Ich streichelte Kleine eine Weile gedankenverloren, dann rutschte ich vom Tresen, holte das Essen aus dem Kühlschrank und stellte es in die Mikrowelle. Während sich der Teller drehte, füllte ich das Katzenfutter in den Napf von Kleine, die mir heftig schnurrend um die Beine strich, und ging dabei im Kopf den Inhalt meines Kleiderschrankes durch.


 

Als es schließlich Zeit war, schlafen zu gehen, war meine Mutter immer noch nicht zu Hause. Normalerweise hätte ich diesen Umstand schamlos ausgenutzt und Filme im Fernsehen gesehen, die ich sonst nicht sehen durfte oder noch lange gelesen, aber morgen war der erste Schultag. Da zog ich es vor, fit zu sein. Wer wusste, was mich erwartete.

Also machte ich mich bettfertig, prüfte noch einmal, ob die Wohnungstür auch wirklich verschlossen war, löschte die Lichter und ließ nur eine Tischlampe im Wohnzimmer an, damit meine Mutter später nicht in eine komplett dunkle Wohnung zurückkam. Ich strich Kleine, die zusammengerollt auf dem Sofa lag, über den Kopf und ging in mein Zimmer. Nachdem ich die Tür geschlossen hatte, warf ich mich bäuchlings aufs Bett und kramte mein Tagebuch und einen Kugelschreiber aus der Schublade des Nachttischs.

Ich schlug es auf und begann zu schreiben: „27.08.2017 Liebes Tagebuch, ich glaube, ich habe heute das Buch für meine Mutter gefunden. Durch einen Zufall, weil ich mich verlaufen hatte. Ich finde mich in dieser Stadt einfach nicht zurecht. Vielleicht liegt es daran, dass ich gar nicht hier sein will. Es ist mir egal, dass Mama hier aufgewachsen ist und Großpapa ebenfalls. Es ist mir auch egal, dass man Mama hier einen tollen Job angeboten hat. Ich will, dass Mama und Papa wieder zusammenleben und ...“

Ich zuckte zusammen, weil ich Kleine plötzlich wütend fauchen hörte. Es klang, als stünde sie direkt vor meiner Zimmertür. Gleich darauf gab die Katze Geräusche von sich, wie ich sie vorher noch nie vernommen hatte. Auf der anderen Seite meiner Tür schien ein Kampf stattzufinden, doch mit wem kämpfte Kleine? Ich lauschte mit offenem Mund und meinte zwischen dem wütenden Geschrei der Katze eine Art Zischen zu hören, dann war alles still. Viel zu still.

Ich sah mit klopfendem Herzen zur Tür. Was war da draußen los? Zögernd legte ich den Kugelschreiber beiseite, schaltete die Nachttischlampe aus und rollte mich vom Bett. Langsam, auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem, näherte ich mich der Tür. Ich legte das Ohr daran und lauschte. Nichts. Ich sah mich unschlüssig um. Der Mond schien durch mein Fenster und verwandelte alles in meinem Zimmer in einen Schattenriss. Da entdeckte ich, in einer Lücke zwischen Wand und Schrank, meinen Tennisschläger. Ich hatte ihn dort verstaut, weil ich noch nicht wusste, ob es an der neuen Schule ein Tennisteam geben würde und noch weniger, ob ich ihm würde beitreten wollen. Ich zog den Schläger leise hervor, atmete einmal tief durch, drückte die Klinke herunter, öffnete geräuschlos die Tür und spähte hinaus.

Im Flur war es fast dunkel, nur durch die offene Wohnzimmertür fiel etwas Licht. Von Kleine war nichts zu sehen. Das Herz schlug mir bis zum Hals und ich wusste nicht, ob es besser war, das Flurlicht auszulassen, um nicht zu verraten, dass ich da war oder es einzuschalten, um die Dunkelheit zu vertreiben. Ich hatte mich noch nicht entschieden, als Kleine aus der Küche gelaufen kam und mir schnurrend um die Beine strich. Die Katze benahm sich wie immer. Nichts deutet auf das wilde Fauchen und Knurren hin, das sie noch wenige Minuten zuvor von sich gegeben hatte. Ich wollte mich gerade bücken, um sie zu streicheln, als Kleine herumfuhr und die Ohren anlegte. Ich folgte ihrem Blick und zuckte zusammen. Am Ende des Flurs, in der Tür zum Wohnzimmer, stand jemand.

 

News

Hier gibt es die Zunkunft...

 

Die 2. Auflage des Buches ist fertig und über Amazon zu kaufen .

 

Am Samstag, 17.11.18 gibt es neue Fotos und Textauszüge!

 

Der zweite Teil der Aussenseiter Saga nimmt Formen an.

Soviel sei vorweg verraten:

Dieses Mal bekommen Christina, Jo und Noah es zwar mit einem wütenden Poltergeist und einem schwarzen Engel zu tun, doch der wahre Feind lauert im Verborgenen

 

Keine Ahnung, wer die Aussenseiter sind?

Bei Amazon gibt es den ersten Band:

Die Aussenseiter und das Buch der Schatten

 

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