Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Seite 3 - Kapitel 1: Das Buch

Mit einem Mal wurde mir bewusst, wie ruhig es hier hinten war. Weder von der Musik aus dem Eingangsbereich, noch von Mathilde war etwas zu hören. Es war so still, dass ich automatisch mit offenem Mund atmete, um selbst auch kein Geräusch zu machen. Mein Blick wanderte zu den langen Korridoren zwischen den Regalen, die mir jetzt, wo ich im Licht der Lampe saß, noch dunkler erschienen. Ein merkwürdiges Gefühl beschlich mich.

Ich schluckte mit trockenem Mund, hoffte, dass ich das richtige Buch erwischt hatte, stopfte es hinten in den Bund meiner abgeschnittenen Jeans, damit ich es nicht wieder zwischen den anderen Büchern verlor, was mir durchaus zuzutrauen war, und begann die umgefallenen Bücher hastig neu zu stapeln. Dabei erwartete ich jeden Moment, dass Wesen mit glühenden Augen zwischen den Gängen auftauchten und warf immer wieder nervöse Blicke zu den Korridoren, was völlig albern war, aber ich konnte es trotzdem nicht lassen. Als ich fast fertig war, bemerkte ich auf dem Boden ein Buch, das wie ein Tagebuch aussah. Ich hob es auf.

Das Buch war uralt. Das schwarze Leder, in das es gebunden war, begann bereits zu zerbröckeln. Die Seiten dazwischen hatten die Jahre gelb gefärbt. Auf dem Cover war nichts anderes zu sehen als einige Linien, in einem Rot gezeichnet, das fast zu glühen schien. Die Linien bildeten ein Rechteck, welches ein weiteres Rechteck einschloss. Sonst war da nichts, kein Titel, kein Verfasser, nichts. Überrascht starrte ich auf das Buch und schlug es schließlich zögernd auf. Auf der ersten Seite stand etwas Handgeschriebenes. Die Tinte war über die Jahre so hell geworden, dass die Worte fast nicht mehr zu entziffern waren:

An diesen Platz

durch weiße Macht

gefesselt bist du nun.

Doch bist du auch zurzeit gebannt,

ich weiß du wirst nicht ruhen.

Kommt auch der Tag wo Zufallsmacht

das Schicksal für dich wendet,

sei dir gewiss, das ist die Zeit,

wo alles für dich endet.“

las ich halblaut und unter Schwierigkeiten.

Was für ein merkwürdiger Spruch. Ich blätterte vorsichtig um. Die Seite fühlte sich irgendwie staubig an, fast puderig. Ein seltsamer Geruch ging von ihr aus, der mich an Küchenkräuter und Arzneimittel erinnerte, außerdem war sie leer. Erstaunt blätterte ich weiter, doch auch die darauffolgenden Seiten waren leer. Das ganze Buch bestand nur aus leeren Seiten. Es stand nichts darin geschrieben, außer dem handschriftlichen Reim.

Plötzlich verspürte ich den unerklärlichen Drang, so viel Abstand wie möglich zwischen mich und dieses Buch zu bringen. Ich schloss es hastig und wollte es auf einen der Stapel legen, doch es rutschte mir aus der Hand und schlug mit einem erstaunlich lauten Knall auf den Boden. Dort klappte es wie von alleine auseinander und der Leim, der die Seiten gehalten hatte, brach mit einem Ächzen, das fast menschlich klang. Seiten flatterten rauschend durch die Gegend und gelber Staub wirbelte durch die Luft. Erschrocken hielt ich den Atem an und lauschte, ob die Dame am Empfang etwas mitbekommen hatte, doch Mathilde schien nichts gehört zu haben, denn sie rührte sich nicht. Trotzdem wurde ich das Gefühl, nicht los, beobachtet zu werden.

Ich warf einen nervösen Blick hinüber zu den Bücherregalen. Die Dunkelheit dazwischen schien mir nun fast greifbar, so, als würde sie feste Formen annehmen. Ich fröstelte und sammelte, so schnell ich konnte, die losen Seiten ein, stapelte sie und stopfte sie zurück in den ledernen Einband. Dann legte ich das Buch mitten in den nächstbesten Bücherstapel, erhob mich und hastete nach vorne in den Verkaufsraum.


 

Mathilde sah mir entgegen.

Hattest du Glück?“, fragte sie freundlich.

Hast du das Buch gefunden?“

Das Licht der Lampe über ihrem Kopf zauberte gelbe Strähnen in ihre Haare. Ich starrte sie einen Moment lang verwirrt an, dann nickte ich, zog das Buch aus dem Hosenbund und legte es auf den Verkaufstresen. Dabei bemerkte ich, dass meine Hände mit gelblichem Staub bedeckt waren, und wischte sie schnell an meiner Jeans ab, die sofort Flecken bekam.

Ich wollte es nicht klauen oder so was“, sagte ich hastig, als ich den Blick der alten Frau auf mir spürte.

Ich wollte es nur zwischen den Büchern nicht verlieren, als ich sie wieder gestapelt habe.“

Mathilde musterte mich prüfend.

Alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie.

Du bist ein bisschen blass.“

Ich nickte erneut. Ich wollte raus aus dem Laden.

Was kostet das Buch?“, fragte ich hastig.

Lass mich mal überlegen“, sagte Mathilde, ohne den Blick von mir abzuwenden.

Es ist zwar ziemlich alt, aber auch schon etwas abgegriffen. Niemand hat jemals danach gefragt, soweit ich mich erinnern kann, und das macht es wohl nicht sehr wertvoll, nicht wahr?“

Sie hielt inne, als erwarte sie eine Antwort.

Ich trippelte inzwischen von einem Fuß auf den anderen und wollte nur weg, bevor Mathilde bemerkte, dass ich ein Buch zerstört hatte, schüttelte aber eifrig den Kopf.

Nein, das denke ich auch nicht“, pflichtete mir Mathilde bei.

Nun, bist du mit drei Euro einverstanden?“, fragte sie dann.

Ich nickte überrascht. Mit so wenig hatte ich nicht gerechnet. Ich kramte in den Taschen meiner Jeans nach Geld und reichte Mathilde schließlich ein paar Münzen. Wenige Augenblicke später verließ ich den Laden und durchquerte hastig den Garten. Draußen war es immer noch sehr warm, obwohl es schon auf den Abend zuging. Als ich die Gartenpforte hinter mir schloss, fiel mein Blick auf die Fensterscheibe der Auslage und ich meinte, dahinter eine Bewegung zu sehen. Hatte Mathilde vielleicht doch bemerkt, dass das merkwürdige Buch kaputt war und hielt nun nach mir Ausschau? Schnell drehte ich mich um. Ich lief fast die Straße entlang, bog um eine Ecke und fand mich kurz darauf an dem Punkt der Einkaufsmeile wieder, an dem ich zuvor falsch abgebogen war. Obwohl ich das Geschenk für meine Mutter gefunden hatte, fühlte ich mich unwohl. Das Bild des zerstörten, ledergebundenen Buches wollte mich einfach nicht loslassen und mir wurde heiß vor Scham. Vielleicht sollte ich morgen zurückgehen und Mathilde sagen, was passiert war. Ich merkte mir das Schuhgeschäft, an dem der Weg abzweigte, der zu dem Buchladen führte, und machte mich auf den Heimweg.

 

News

Hier gibt es die Zunkunft...

 

Die 2. Auflage des Buches ist fertig und über Amazon zu kaufen .

 

Am Samstag, 17.11.18 gibt es neue Fotos und Textauszüge!

 

Der zweite Teil der Aussenseiter Saga nimmt Formen an.

Soviel sei vorweg verraten:

Dieses Mal bekommen Christina, Jo und Noah es zwar mit einem wütenden Poltergeist und einem schwarzen Engel zu tun, doch der wahre Feind lauert im Verborgenen

 

Keine Ahnung, wer die Aussenseiter sind?

Bei Amazon gibt es den ersten Band:

Die Aussenseiter und das Buch der Schatten

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Nicole Fünfstück schreibt