Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Seite 3 - Kapitel 1

Torr sah Lea entsetzt an.

„Konntest wenigstens du deine Magie schützen?“, fragte er.

Lea schüttelte den Kopf.

„Nein, dafür blieb keine Zeit. Wir können nur hoffen, dass es auch unseren Feinden nicht geglückt ist. Doch nun berichte mir, was ist mit Tandon?“

Sie setzte sich wieder auf ihren Thron und sah Torr erwartungsvoll an. Dieser schnaubte leise und erklärte: „Tandon ist zu den Alten gerufen worden. Er hat versucht, dich zu benachrichtigen, doch es hat nicht geklappt. Es ist mir gelungen, den vom Orakel prophezeiten Retter und später auch seinen Helfer nach Scroli zu bringen. Sie haben sich, ebenso wie Tara, auf den Weg ins Märchenland gemacht. Eigentlich sollte Jan seine Suche bei dir beginnen, doch dafür war keine Zeit mehr. Tandon hat dem Jungen übrigens einen Teil seiner Magie übertragen, damit er Tara nicht schutzlos ausgeliefert ist. Das war allerdings umsonst, wenn Jan es nicht vor dem Verhängen der Magiesperre geschafft hat, ins Märchenland zu gelangen. Du siehst ja, was sie aus mir gemacht hat! Was sollen wir denn jetzt tun?“

Er sah Lea unglücklich an, doch die Feenkönigin blickte ins Leere und schien mit ihren Gedanken weit weg zu sein. Torr hörte, wie sie leise sagte: „Tandon konnte mich nicht warnen, weil die Alten das Gleichgewicht der Magie nicht stören wollten. Ohne Tara ist das Böse ohne Magie und das Gute ist es nun auch.“ Lea zwinkerte und sah ihn an. „Ich will gleich den Kristallteich um Rat fragen. Vielleicht kann er uns Antworten auf die Fragen geben, die uns beschäftigen. Doch zuerst müssen wir deine Wunde verarzten. Sie scheint zwar nicht sehr tief zu sein, doch sie sieht bereits böse entzündet aus. Meine Waldläufer haben mir berichtet, dass in den letzten Tagen etwas sehr Böses durch den Niemandsland-Wald geschlichen ist. War es dieses Ding, das dich verletzt hat?“

Torr nickte.

„Es ist ein Jäger. Tara hat scheinbar mehrere von ihnen geschaffen, denn einer wurde bereits getötet.“

„Dann ist es um so dringender, dass deine Wunde versorgt wird.“

Die Königin der Feen schickte einen ihrer Wächter hinaus und wenig später trat ein weißhaariger Feenmann in die Blätterhalle. Er trug eine Tasche bei sich, die er neben Torr abstellte, um dann daraus eine Flasche und eine Spritze zu entnehmen. Er wandte sich zu ihm und sagte bedauernd: „Da wir dich ohne Magie heilen müssen, wird es ein wenig wehtun, aber es wird verhindern, dass sich die Wunde weiter entzündet. Ich denke nicht, dass sich das Gift, das mit hoher Wahrscheinlichkeit durch dieses Wesen in dein Blut gelangt ist, ausbreiten kann. Dazu wäre Magie nötig. Sollte allerdings die Magiesperre jemals aufgehoben werden, müssen wir mit weißer Magie dagegen angehen.“

Er zog die Spritze mit einer durchsichtigen Flüssigkeit auf und injizierte sie Torr in den Hals. Dieser zuckte zusammen. Das Serum brannte wie Feuer.

„Während du dich ausruhst, werde ich zum Kristallteich gehen“, sagte Lea und lächelte ihm zu.

„Das ist völlig sinnlos“, erwiderte Torr. „Ohne Magie wird der Teich nicht antworten, hast du das vergessen?“

Aber selbstverständlich wird er antworten“, entgegnete Lea. „Der EINZIGE und EWIGE antwortet immer. Der Kristallteich ist nur eine der vielen Verbindungen zu ihm. Ein Mittel, seine Antworten zu verstehen. Um der Stimme deines Herzens zu folgen und dem zuzuhören, der dich führt, braucht es keine Magie, nur den Glauben daran, dass du es kannst. Also verzage nicht.“

Die Feenkönigin wandte sich zum Gehen, doch Torr hielt sie erneut zurück.

„Dann lass mich dich begleiten“, bat er. „Auch ich habe einige Fragen, auf die ich gerne eine Antwort hätte.“

Lea zögerten einen Moment, dann nickte sie.

Als sie in den Wald traten, hatte der Regen aufgehört, das Gewitter sich verzogen und der Wind sich gelegt. Torr erschien dies wie ein gutes Omen. Trotzdem folgte er Lea mit wenig Hoffnung darüber, dass die Befragung des Teiches etwas ergeben würde. Lea führte ihn tief in den Wald der Feen. Obwohl es bereits nach Mitternacht sein musste, war es nicht dunkel. Es schien, als würden die Bäume von innen heraus leuchten, und als Torr sie näher betrachtete, erkannte er, dass es bei vielen tatsächlich der Fall war.

„Meine Feen leben in den Bäumen, wenn sie ihre wahre Gestalt haben“, erklärte ihm Lea, ohne sich umzudrehen.

„Die wahre Gestalt der Feen ist, wie du weißt, Licht. Als Lichtwesen leben wir von der Energie der Bäume, während unser Licht ihnen die Kraft gibt, zu gedeihen. Dadurch, dass wir mit ihnen von Ort zu Ort wandern, bekommt auch der Boden, auf dem wir zeitweise verweilen, jedes Mal eine andere Art von Energie, denn keine Fee gleicht der anderen und kein Baum seinem Bruder. Er wird dadurch reichhaltig gedüngt und lässt so die Bäume gesund wachsen. Du siehst, es ist eine perfekte Symbiose. Eine Symbiose der Liebe. Ein Krieg, mit seinem Hass und seinen Aggressionen, würde die Atmosphäre hier im Wald vergiften. Die Bäume könnten nicht mehr wachsen und somit nicht genug Energie erzeugen und ohne ausreichende Energie würden wir sterben. Nicht sofort, aber nach einer Weile und ohne uns würde dann dieser Wald absterben. Verstehst du?“

Lea wandte sich nun doch zu Torr um.

Dieser nickte. Doch während sie weitergingen, fiel ihm etwas ein.

„Du, die Wächter, die ich vorhin gesehen habe und auch der Medikus, ihr habt momentan nicht eure wahre Gestalt. Aber um euch zu ernähren, müsst ihr sie annehmen, und um euch zu verwandeln, braucht ihr Magie, nicht wahr? Wie lange könnt ihr in dieser Gestalt überleben?“

Die Feenkönigin lächelte ihm zu.

„In meinem menschlichen Körper kann ich mich auch wie ein Mensch ernähren. Außerdem sind wir hier im sich wandelnden Wald, Torr. Und auch wenn wir die Energie der Bäume, die uns umgeben, nicht im vollen Maße aufnehmen können, so wird es doch eine ganze Weile dauern, bis es gefährlich für uns wird. Schau“, sie wies zu einer kleinen Lichtung. „Wir haben den Kristallteich fast erreicht. Denke nun fest an das, was du wissen möchtest.“

Lea schritt auf einen Teich zu. Er war auf einer Seite geschützt durch einen hohen Felsen und lag so ruhig und dunkel da, dass seine Oberfläche die Umgebung widerspiegelte, wie das Kristall eines Spiegels. Lea kniete am Ufer des Teiches nieder, atmete ein paar Mal tief ein und aus und starrte dann bewegungslos auf die Wasseroberfläche. Torr tat es ihr gleich. Zuerst geschah nichts, doch dann huschten Bildfetzen über den Teich. Einer folgte dem anderen so rasch, dass er nicht erkennen konnte, was sie zeigten. Schließlich erhob sich die Königin.

„Hast du etwas erkennen können?“, fragte sie und Torr schüttelte den Kopf.

„Nun, dann will ich dir berichten, was ich erfahren habe“, sagte Lea.

„Es wird sehr ernst werden, denn nur der, der für die zukünftigen Geschehnisse verantwortlich sein wird, kann uns helfen. Ob er es tun wird, war nicht deutlich zu sehen. Ich habe unsere Feinde aufrüsten und gegen uns ziehen sehen, doch war ich nicht machtlos, als ich ihnen begegnete. Auch dich habe ich gesehen, lieber Freund. Deine Aufgabe ist noch nicht beendet. Du wirst dich noch einmal auf den Weg machen müssen, um Hoffnung zu geben. Und auch meinen Sohn konnte ich sehen. Er ist bei Jan und seinem Helfer. Ich denke, sie haben es geschafft ins Märchenland zu gelangen, denn ich spüre seine Anwesenheit in Scroli nicht mehr. Es ist gut, dass Kyle bei Jan ist. Der Junge wird ihn brauchen und ich hätte ihm hier sowieso nicht helfen können. Du wirst dir einen Feind zum Freund machen müssen, um das Schlimmste zu verhindern, Torr“, fügte sie hinzu und sah noch einmal auf die nun wieder ruhige Oberfläche des Teiches. Dann sagte sie bestimmt: „Aber nicht sofort. Erst einmal musst du dich ausruhen und deine Wunden auskurieren. Du hast sehr viel Glück gehabt. Hätten dich die Krallen ein paar Zentimeter weiter oben erwischt oder wäre die Magiesperre einen Augenblick später in Kraft getreten, wärst du gestorben. Lass uns zum Palast zurückkehren. Dort wird man dir etwas zu essen und zu trinken geben und dir einen Platz zum Schlafen zuweisen.“

Lea strich Torr liebevoll über die Nüstern und machte sich dann auf Rückweg. Torr folgte ihr nachdenklich. Er verstand nicht, wie Lea so zuversichtlich sein konnte. Für ihn hatten die Antworten des Kristallteiches entmutigend geklungen. Wie sollte er sich einen Feind zum Freund machen, wenn er seine Fähigkeit zu sprechen verloren hatte?

 

 

 

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