Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Seite 2 - Kapitel 1

Scroli, elf Tage vorher...

 

Kapitel 1 

 

Die Undine Maja verließ das Flussufer, das Jan gerade hinaufgeklettert war, und schwamm wieder in die Flussmitte. Sie versuchte dabei nicht an die Gefahren zu denken, die den Jungen und Kyle erwarteten. Als Jan sie gebeten hatte, schon mal zu den Feen zu schwimmen, hatte sie es nicht übers Herz gebracht, ihn daran zu erinnern, dass die schnellste Möglichkeit, von hier aus zu den Feen zu gelangen, der Weg über den Trollsteg war. Wieso sonst hätte Jan das Risiko auf sich nehmen sollen, durch Niemandsland zu gehen, wenn man schwimmend schneller in den sich wandelnden Wald gelangen konnte? Als er sie vorausgeschickt hatte, um die Feen zu warnen und seine Tarnung zu wahren, hatte sie sich erst vehementer weigern wollen, doch der Junge hatte recht gehabt: Alleine war er unauffälliger. So hatte sie ihn schweren Herzens mit Kyle ziehen lassen. Maya beschloss, ins Reich der Undinen zu schwimmen und dem Königspaar zu berichten, dass deren Enkel sich auf den Weg gemacht hatte, um Scroli zu retten und dann von dort aus zu den Feen zu gehen. Sie würde in jedem Fall nach Jan bei den Feen eintreffen, aber vielleicht konnte sie ihm trotzdem irgendwie helfen.

*****

Torr galoppierte durch den Wald des Niemandslandes. Regen prasselte auf ihn nieder und Blitze zuckten über den Himmel. Sie erhellten die dunklen Bäume für Sekunden und ließen sie wie dürre Monster mit langen Armen und Spinnenfingern aussehen, die nach ihm zu greifen schienen. Torr zitterte vor Erschöpfung und in Erinnerung an die gelben Augen, die er vor einigen Minuten zu sehen geglaubt hatte. Wieder erhellte ein Blitz den Himmel und für den Bruchteil von Sekunden erschien es ihm, als hätte er vor sich erneut gelbe Augen aufblitzen sehen. Er sprang erschrocken zur Seite und blieb mit klopfendem Herzen stehen. Bildete er sich das wirklich nur ein? Zitternd blickte er sich um, doch die Augen, falls sie denn da gewesen waren, waren verschwunden. Torr warf einen letzten Blick in die Runde und machte sich wieder auf den Weg. Wenn er sich die Augen nicht eingebildet hatte, war er in großer Gefahr. Er lief schneller. Äste peitschten ihm auf die Schnauze und die Dornen der Büsche, die er achtlos durchquerte, kratzen seine Flanken auf. Noch immer meinte Torr, die Stimme Tandons zu vernehmen, die er nur wenige Augenblicke zuvor, plötzlich und unerwartet in seinem Kopf gehört hatte. Der weiße Zauberer hatte ihm berichtet, dass Jan, Kyle und weiße Feder nicht unterwegs zu den Feen, sondern auf dem Weg ins Märchenland waren und Tara vorhatte, ebenfalls dorthin zu gelangen. Allerdings wollte die graue Hexe, in dem Moment in dem sie Scroli verließ, zusätzlich eine Magiesperre verhängen. Durch diese Sperre würde es bis zu Taras Rückkehr in ganz Scroli keine Magie mehr geben. Deshalb mussten Jan und die anderen vorher die Märchenlandgrenze passiert haben. Aber Torrs Sorge galt im Moment nicht Jan. Durch die Magiesperre würden alle Grenzen in Scroli, die durch Magie gesichert waren, ungeschützt sein. Auch die Grenzen des Feenreiches zählten dazu. Das bedeutete, dass die Trolle dann ungehindert in den sich wandelnden Wald eindringen und Lea töten konnten. Sie war Taras ärgste Feindin und neben Tandon das Wesen mit der mächtigsten weißen Magie in Scroli. Bisher hatte ein Schutzzauber sie für die graue Hexe und deren Häscher unerreichbar gemacht. Doch wenn sich das ändern sollte ... Die Feen waren ein friedliches Volk und Torr konnte sie sich nicht kämpfend vorstellen. Er musste zu ihnen gelangen und sie warnen, solange Lea noch ihre Macht besaß.

Er folgte einem schmalen Trampelpfad, der durch den Wald des Niemandslandes zur Grenze des Waldes der Feen führte. Als er die magische Grenze der Feen bereits spüren konnte, geschah es: Eins der schrecklichen Wesen, die Tara zur Jagd auf ihn und Jan geschaffen hatte, enttarnte sich vor ihm. Torr wieherte panisch. Er bremste ab, geriet ins Rutschen und kam knapp vor dem Wesen zum Stehen. Der Jäger, der keine feste Form zu haben schien, aber trotzdem erschreckend scharf aussehende Krallen besaß, holte zum Schlag aus. Torr versuchte zurückzuweichen, doch der Waldboden war von den sintflutartigen Regenfällen vollkommen aufgeweicht und er bekam seine Hufe nicht sofort frei. Die Krallen seines Gegners zuckten blitzartig nach vorne. Gerade als sie Torrs Hals erreicht hatten, erstarrte das Wesen plötzlich. Seine Krallen sanken herab und ritzen Torr dabei nur die Haut auf.

Keuchend und unfähig sich zu bewegen, starrte Torr auf seinen Angreifer, dessen durchsichtiger, formloser Körper immer steifer wurde und die Farbe von grünlichem Schleim annahm. Torr sah sich suchend um, doch er schien alleine zu sein. Wer also hatte diesen Jäger getötet? Dann begriff er. Der Jäger war durch Magie erschaffen worden. Magie war die Kraft, die ihn bewegte und mit Leben erfüllte, und dass er jetzt wie tot vor ihm stand, konnte nur eins bedeuten: Tara hatte es geschafft. Scroli war ohne Magie. Torr wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Die Magiesperre hatte ihm zweifelsohne das Leben gerettet, doch um welchen Preis? Schwerfällig befreite er seine Hufe aus dem Schlamm und setzte seinen Weg fort. Obwohl ihm das Blut an der Brust herablief, spürte er das Brennen seiner Wunde nicht.

Da die magische Barriere verschwunden war, bemerkte er erst, dass er das Reich der Feen erreicht hatte, als zwei Feenwächter ihn aufhielten. Wie aus dem Nichts tauchten sie vor ihm auf. In den Händen hielten sie lange Speere und an ihren Gürteln hingen zierliche silberne Hörner. Torr zuckte zusammen.

„Ich muss sofort zu Lea“, rief er und erstarrte. Er hatte nicht gesprochen, sondern gewiehert. Er versuchte es erneut, doch das Ergebnis war das gleiche.

Die Feen, die ihn aufmerksam beobachtet hatten, sagten zu Torrs Erstaunen: „Sie erwartet dich bereits. Folge uns.“

Während sie ihn durch verschlungene Pfade bis zu einem Baum führten, dessen Stamm so dick war, dass ein Dutzend Arme ihn nicht hätten umfangen können und so hoch, dass man die Krone nicht sehen konnte, überlegte Torr verzweifelt, was geschehen war. Als sie den Baum erreicht hatten, nahm einer der Wächter sein Horn und blies hinein. Eine Art großer, hölzerner Käfig wurde an vier armdicken Tauen zur Erde gelassen und die Feen bedeuteten Torr, einzusteigen. Wenig später erreichte er die Blätterhalle des Feenpalastes. Dieser Palast befand sich nicht nur in der Krone des großen Baumes, sondern schien die Kronen aller Bäume miteinander zu verbinden. Die Blätterhalle bestand, wie ihr Name schon sagte, aus den Blättern der einzelnen Bäume. Dicke Äste durchzogen den Fußboden und Zweige die Wände. Feen der königlichen Garde säumten den Weg zu Leas elfenbeinfarbenen Thron. Die Königin erhob sich, als Torr eintrat. Sie trug ein weißes Gewand, welches mit goldenen Bordüren besetzt und durch ein schmales goldenes Band gegürtet war. Ihre langen schwarzen Haare wurden von einem goldenen Stirnreifen gehalten und mit ihren violetten Augen sah sie ihm ernst entgegen.

„Oh Lea, es ist etwas Furchtbares passiert“, setzte Torr an, der in seiner Aufregung schon wieder vergessen hatte, dass er nicht mehr sprechen konnte, und zuckte zusammen, als das Wiehern erklang.

Die Königin der Feen hob beschwichtigend die Arme und unterbrach ihn: „Beruhige dich, lieber Torr. Sprich nicht, denn du kannst es nicht mehr. Die Magie ist erloschen und mit ihr deine Fähigkeiten. Denke einfach nur an das, was du sagen möchtest. Wir verstehen dich auch so. Doch erkläre mir, warum hat mich Tandon nicht rechtzeitig gewarnt? Warum schickte er seinen Freund und kommt nicht selbst, um mit mir zu beratschlagen, was nun zu tun ist? Wo ist er?“ ...

News

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Am Samstag, 17.11.18 gibt es neue Fotos und Textauszüge!

 

Der zweite Teil der Aussenseiter Saga nimmt Formen an.

Soviel sei vorweg verraten:

Dieses Mal bekommen Christina, Jo und Noah es zwar mit einem wütenden Poltergeist und einem schwarzen Engel zu tun, doch der wahre Feind lauert im Verborgenen

 

Keine Ahnung, wer die Aussenseiter sind?

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