Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Leseprobe

Kapitel 1

Graue Nebelfetzen strichen über das Moor des Vergessens, tauchten wie scheinbar ins Moorwasser ein und wieder auf. Merkwürdige, unheimliche Lichter schienen fahl von seinem Grund hinauf, und wer genau hinsah, konnte Augen erkennen, die jeden der ins Moor geriet aus dem brackigen Wasser heraus beobachteten. Durch die Bäume, die grün bemoost aus dem Sumpf ragten, schien ein blasses Licht, von dem man nicht sagen konnte, ob es von den Monden oder der Sonne kam. Durch die hohe Feuchtigkeit, die im Moor herrschte, war die Luft so dick wie in einer Waschküche, und die allgegenwärtigen Nebelschwaden taten das ihre, um die Sicht zu verwirren. Kröten sprangen über trügerisch fest erscheinende Pfade, von denen mehr als zwei Drittel tödliche Fallen waren.

 

Ein schriller Schrei zerriss die Stille. Lumm der Troll öffnete erschrocken die Augen. Er saß zitternd, und bis auf die Haut durchnässt, auf einem halb verfaulten Baumstamm, der sich auf einer kleinen Halbinsel befand. Sie ragte ein Stück ins Moor hinaus und war fast völlig von fauligem Wasser umgeben. Nur mit Mühe konnte der Troll die Augen offenhalten. Es gelang ihm überhaupt nur, weil er den furchtbaren Kreaturen, die sich im Moor des Vergessens aufhielten, nicht traute. Zum einen gab es die von der Herrin erschaffenen Jäger, die, unruhig wie Raubtiere auf der Suche nach Beute, zwischen den kahlen Baumstämmen und vereinzelt wachsenden Trauerweiden herum schlichen. Sie fanden mit unheimlicher Sicherheit immer die festen Pfade und unzählige Kröten hatten inzwischen ihr Leben lassen müssen, bei dem Versuch den Weg dieser Wesen zu kreuzen. Zum anderen waren da die Moorgeister, die wie Nebelfetzen über den Sumpf tanzten, und es gab auch noch die Toten, die ihn vom Grunde des brackigen Wassers her anstarrten. Diese sogenannten Moorspäher, die dank seiner Herrin nicht nur das Sumpfwasser, sondern auch das Moor des Vergessens jederzeit verlassen konnten, waren vielleicht das Gruseligste, was Lumm jemals begegnet war. Dass er ebenfalls zu den Verbündeten der grauen Hexe gehörte, half ihm jetzt nicht. Eine alte Regel der Natur besagte, dass der Schwächste gefressen wurde, und er war eindeutig der Schwächste hier.

 

Er hatte seit Tagen nicht mehr geschlafen, und auch wenn ihm die Augen immer wieder zufielen, kam er einfach nicht zur Ruhe. Der Troll sah sich erschöpft um. Die Halbinsel, auf der er sich befand, war mit graugrünem Moos bedeckt, und einige phosphoreszierende Pilze leuchteten in der Nähe seines Sitzplatzes. Ihr weißliches Glühen machten die Umgebung nicht gerade weniger unheimlich. Weder von den Jägern noch von den Moorspähern war etwas zu sehen, doch das hatte nichts zu bedeuten. Sie waren da, irgendwo in seiner Nähe, das war dem Troll klar. Lumm hatte sich, als er auf dieser Halbinsel angekommen war, eine ganze Zeit lang nicht entscheiden können, wem er den Rücken kehren sollte. Den monströsen Jägern seiner Herrin, die hinter ihm durchs Unterholz schlichen oder den unbeschreiblichen Wesen, die im Moorwasser hausten. Schließlich hatte seine Erschöpfung gesiegt, und er war einfach auf den Baumstumpf gesunken. Dann hatte das Zittern begonnen. Lumm konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie lange er sich schon im Moor des Vergessens aufhielt, denn das war der Zauber dieses Ortes. Wer sich hier hineinbegab, der verlor jegliches Zeitgefühl.

 

Was Lumm jedoch niemals vergessen würde war, was er auf dem Weg hierher erlebt hatte. Tara, die graue Hexe, hatte ihn mit den vier von ihr erschaffenen Jägern um Mitternacht der magischsten Nacht Scrolis, der Nacht der zwei Vollmonde, ins Moor des Vergessens geschickt. Dort sollten sie auf ihre Befehle warten. Die vier Jäger waren ihm während des ganzen Weges immer einen Schritt voraus gewesen, und zwar auch im übertragenden Sinne. Der Marsch durch den Toten Wald, der im Licht des doppelten Vollmondes geglänzt hatte, wäre fast angenehm gewesen, hätte es die Jäger nicht gegeben. Die immer um die Bäume streichenden Nebelfäden des Waldes hatten ausgesehen wie gesponnenes Silber, und die Abwesenheit jeglichen Lebens außer dem ihren, war nicht mehr so stark aufgefallen. Leider hatten die furchtbaren Kreaturen der Hexe alles zunichtegemacht. Getarnt und lautlos, für Lumm völlig unsichtbar, waren sie durch den Wald geschlichen. Der Troll hatte nie gewusst, wo sie sich gerade befanden, und da er ihnen von Anfang an nicht vertraut hatte, war er die meiste Zeit damit beschäftigt gewesen, über seine Schultern zu schauen und sie zu suchen. Trotzdem hatten sie es immer wieder geschafft, ihn zu erschrecken. Entweder, indem sie sich plötzlich direkt vor ihm enttarnten oder indem sie ihn umzingelten und nur ihre gelben Augen aufblitzen ließen. Sie hatten ihm von Anfang an zu verstehen gegeben, dass sie im Vorteil waren und ihn jederzeit töten konnten, wenn ihnen danach war. Nur der Umstand, dass sie ab und zu fiepten wie Ratten, und die Tatsache, dass Lumm den Weg durch den Toten Wald kannte, wie seine Westentasche, hatten ihn davor bewahrt, die Nerven zu verlieren.

 

 

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