Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Leseprobe

1. Kapitel

Es war ein grauer, kalter Novembermorgen. Der Moment zwischen dem Ende der Nacht und dem Beginn des Tages. Die Sonne schickte zögerlich die ersten Strahlen auf die Erde und tauchte die Straßen der kleinen Stadt, in der diese Geschichte beginnt, damit in ein unwirkliches Zwielicht. Ein Apfelbaum, seines Laubes beraubt, stand nackt da und warf unheimliche Schatten auf den Boden. Das Karussell auf dem Kinderspielplatz war verlassen und schien zu frieren und über der Wiese vor der Schule hing dicker Novembernebel. Nichts regte sich. Es war, als würden alle den Atem anhalten und darauf warten, dass etwas geschah. Schließlich entschied die Sonne den Tag beginnen zu lassen und schickte ihre Strahlen mit Kraft durch die dicke Wolkendecke. Die Dunkelheit wich, der Nebel löste sich auf und nach und nach öffneten die Menschen in ihren Häusern die Augen. Bald erfüllte Leben die kleine Stadt: Lichter wurden angemacht, Autos fuhren durch die Straßen, Menschen standen in kleinen Gruppen an den Bushaltestellen und Kinder liefen hüpfend und lachend zur Schule. Es war der letzte Tag vor den Ferien. Die Wiese vor der Schule glänzte jetzt feucht im Sonnenlicht und sogar der Apfelbaum schien sich zu strecken, angesichts der lachenden, lärmenden Schar, die da an ihm vorüberzog. Der Pausenhof war schnell voll mit Kindern jeden Alters. Zwei kleine Mädchen mit dicken Jacken, lustigen bunten Handschuhen und roten Nasen standen kichernd in einer Ecke. Drei Jugendliche, mit lässig hochgeschobenen Jackenärmeln taten so, als würden sie gar nicht merken, wie kalt es an diesem Morgen war, und versuchten noch erwachsener zu wirken, indem sie sich eine Zigarette teilten. Sie bekamen allerdings schon nach dem ersten Zug einen Hustenanfall und wurden sofort von einer Gruppe spottender Mitschüler umringt. Ein Lehrer steuerte auf die lärmende Gruppe zu. Sofort wurde die Zigarette auf den Boden geworfen und die Kinder zerstreute sich. Nach einer Weile läutete die Schulglocke. Alle drängelten sich die breite, ausgetretene Treppe hinauf, die in das alte, rote Schulgebäude führte, und verschwanden im Inneren des Hauses. Türen flogen auf und wieder zu, die Fenster erzitterten und für einen Augenblick schien es, als würde das Bronzeschild mit der Aufschrift: „Anno 1885“, das über der Eingangstür angebracht war, seinen angestammten Platz verlassen und zu Boden fallen. Doch es hielt sich wacker. Kurze Zeit später war dann alles still, der Schulhof lag wieder verwaist im Sonnenlicht und nur der Rauch, der langsam erlöschenden Zigarette, stieg in den Morgenhimmel.

 

In einem anderen Teil der Stadt, nicht weit von der Schule entfernt, rannte ein etwa elfjähriger Junge mit wehenden blonden Haaren durch eine Gasse. Sein Atem ging pfeifend und sein schmales Gesicht war vor lauter Anstrengung rot. Er rannte über das rutschige Kopfsteinpflaster, vorbei an geschlossenen Fenstern und Türen und wäre, als er um eine Hausecke lief, fast ausgerutscht und hingefallen. Seine blauen Augen weiteten sich vor Schreck und er beschloss, für einen ganz kleinen Moment, eine Pause einzulegen. Es machte keinen Unterschied, denn er würde eh zu spät zur Schule kommen. Heute Morgen hatte der Wecker seiner Mutter versagt und so hatten sie beide verschlafen. Keuchend lehnte er sich an die feuchte Hauswand, die zu einer alten Fabrikhalle gehörte. Früher, als sein Vater noch gelebt hatte, war es eine Möbelfabrik gewesen. Jetzt war das Gebäude verlassen und die wenigen  Fensterscheiben, die noch in den Rahmen hingen, benutzten die Kinder als Zielscheiben. Sie waren ausnahmslos zerbrochen. Auf die Vorderfront, an der er jetzt lehnte, hatte ein Straßenkünstler, beim letzten Sommerfest, eine Fantasielandschaft gemalt. Der Junge trat einen Schritt zurück und nahm sich die Zeit, diese Landschaft genauer zu betrachten. Ein türkisfarbener Himmel spannte sich über eine apfelgrüne Wiese, die von mehreren kleinen Seen unterbrochen wurde. Diese Seen waren so klar, dass man die Fische darin sehen konnte. Ein Regenbogen war über einen Wald gemalt worden, dessen Bäume merkwürdigerweise rote und lilafarbene Blätter trugen. Zu allem Überfluss galoppierte ein schneeweißes Pferd mit einer goldenen Mähne über den Regenbogen direkt auf ihn zu.

Ziemlich abgedreht, aber gleichzeitig verdammt realistisch“, murmelte der Junge.

Es wirkt fast so, als wenn dieses Pferd wirklich näher käme.“

Er schüttelte den Kopf und wollte schon weitergehen, als er plötzlich hinter dem Pferd einen dunklen Fleck entdeckte.

Das ist unmöglich“, sagte er laut und ging näher an das Bild heran, „dieser Fleck war eben noch nicht da.“

Das Pferd war näher gekommen, das war sicher, denn der Junge konnte jetzt ganz deutlich sehen, dass die Augen des Tieres ebenfalls in einem warmen Goldton glänzten. Auch der Fleck war jetzt deutlicher zu erkennen. Es schien sich um einen großen, sehr behaarten Mann zu handeln, der in seiner dreifingrigen Hand einen merkwürdigen Stock hielt. Er strahlte eine solche Bösartigkeit aus, dass der Junge erschrocken von der Wand zurückwich. Eine weise Entscheidung, wie er keinen Atemzug später feststellen sollte, denn das Pferd sprang mit wehendem Schweif aus der Wand der Fabrik heraus und landete ohne jedes Geräusch genau dort, wo er  eben noch gestanden hatte. ...

News

Hier gibt es die Zunkunft...

 

Die 2. Auflage des Buches ist fertig und über Amazon zu kaufen .

 

Am Samstag, 17.11.18 gibt es neue Fotos und Textauszüge!

 

Der zweite Teil der Aussenseiter Saga nimmt Formen an.

Soviel sei vorweg verraten:

Dieses Mal bekommen Christina, Jo und Noah es zwar mit einem wütenden Poltergeist und einem schwarzen Engel zu tun, doch der wahre Feind lauert im Verborgenen

 

Keine Ahnung, wer die Aussenseiter sind?

Bei Amazon gibt es den ersten Band:

Die Aussenseiter und das Buch der Schatten

 

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