Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Seite 3 - Kapitel 1

Während das Pferd unverdrossen weiterlief und schließlich, wie Jan ihm geheißen hatte, in den Feldweg einbog, überlegte Jan, welche vernünftige Erklärung es für all das, was ihm heute Morgen passiert war, geben könnte. Es fiel ihm keine ein. Nachdem sie eine Weile durch abgeerntete Felder galoppiert waren, tauchten der hohe, von Bäumen umgebene, Zaun des Parks und das hohe, breite Eisentor des Haupteingangs vor ihnen auf. Bevor Jan zum Nachdenken kam, hatte das Pferd bereits zum Sprung angesetzt und flog buchstäblich mit einem riesigen Satz über das Hindernis hinweg. Es landete sanft wie eine Feder auf der anderen Seite.

„Du kannst meine Mähne loslassen, wir sind gelandet“, teilte das Tier Jan mit und schnaubte belustigt.

Erst jetzt bemerkte Jan, dass er sich regelrecht in der goldenen Mähne festgekrallt hatte. Er lockerte den Griff, wischte sie heimlich ein paar goldene Haare von den schweißfeuchten Händen, und rutschte dann ungeschickt vom Rücken des sprechenden Pferdes. Er trat zwei Schritte zurück und machte ein paar im Kreis, um das Zittern seiner Knie zu verbergen.

„Lass uns zu dem Karussell mit den Holzpferden gehen“, schlug das Pferd vor, „dort kann ich mich ein bisschen tarnen, dann entdeckt Lumm uns nicht sofort.“

„Wer ist Lumm?“, fragte Jan, der dem Pferd zum Karussell folgte und insgeheim dachte, dass dieses Pferd zwischen all den Holzpferden in etwa so gut getarnt wäre, wie eine Tomate in einer Schüssel mit Vanillepudding. Als er jedoch beim Karussell ankam, hatte das Pferd das Aussehen von den Holzpferden angenommen. Hätte es nicht angefangen zu sprechen, Jan hätte es nicht entdeckt.

„Lumm ist der Troll, der uns verfolgt. Ich selbst heiße Torr und bin das letzte, freie, sprechende Pferd, das es in unserem Reich gibt. Alle anderen wurden gefangen und eingesperrt. Da unser Reich aber ohne die sprechenden Pferde stirbt, haben wir beschlossen, Hilfe in eurer Welt zu suchen.“

„Nee, ist klar“, erwiderte Jan. ,„Ich nehme an, der Weihnachtsmann und der Osterhase hatten keine Zeit!“

Torr schüttelte seine Holzmähne, was, gelinde gesagt, merkwürdig aussah.

„Wie witzig“, schnaubte er, „du scheinst das alles für einen Scherz zu halten. Aber sag mir doch mal, wie viele sprechende Pferde und Trolle sind denn in deinem bisherigen Leben aus einer Hauswand gesprungen?“

„Eins zu Null für dich“, murmelte Jan.

„Gehen wir mal davon aus, dass dies kein Traum ist und ich mir das alles hier nicht nur einbilde. Wie und wo willst du die Person finden, die eurer Welt helfen kann?“

„Ich habe die Person bereits gefunden, die ich gesucht habe“, sagte Torr ernst.

„Dich.“

„Mich?“ Jan starrte das Pferd fassungslos an.

„Ich weiß ja nicht, wie das in eurer Welt ist, aber in unserer Welt sind die Helden, die fremde Welten retten, erwachsen, und falls du es noch nicht gemerkt haben solltest: Ich bin ein Kind.“

„Ich weiß, dass du ein Kind bist, Jan“, Torr wirkte leicht resigniert, „aber das ist auch einer der Gründe, warum du mir helfen kannst. Kennst du Erwachsene, die an sprechende Pferde, Trolle und fremde Welten glauben?"

Jan seufzte und schüttelte den Kopf.

Torr nickte.

„Ein anderer Grund ist, dass du zum Zeitpunkt unseres Eintreffens als Einziger in der Nähe warst, und wir sind nur für die sichtbar, die uns zuerst sehen.“

„Na prima!“

Jan trat gegen einen Stein und vergrub die Hände in den Hosentaschen.

„Das ist ja heute mein Glückstag! Erst verschlafe ich und dann treffe ich auf nüchternen Magen ein sprechendes Pferd, das von einem bösartigen Troll verfolgt wird. Doch nicht nur das! Weil ich zufällig als Erster im Weg gestanden habe, werde ich nun selbst auch von diesem Monster verfolgt und soll zu allem Überfluss auch noch eine fremde Welt retten. Das ist doch völlig verrückt. Sollte ich jemals dazu kommen, diese Geschichte zu erzählen, lassen die mich sofort einliefern.“

„Und, kommst du mit mir?“, fragte Torr und ignorierte Jans Ausbruch vollkommen.

„Ich weiß, dass ich dir nicht viel Zeit zum Nachdenken lasse, aber du musst dich jetzt entscheiden, Lumm hat uns nämlich gerade gefunden!“

 

Aus der Richtung des Haupttores erklang erneut das Geheule des Trolls. Jans Gedanken rasten. Seine Mutter, seine Freunde und die Ferien kamen ihm in den Sinn, aber er fragte sich auch, was ihm in dieser fremden Welt außer Trollen und sprechenden Pferden noch alles begegnen würde.

„Ich will ja nicht drängeln“, sagte Torr, „aber gleich ist es zu spät.“

Jan sah zum Haupttor. Lumm war inzwischen darüber geklettert und machte sich auf ihrer Seite an den Abstieg. Torr hatte recht, er konnte jeden Moment bei ihnen sein. Jan holte tief Luft und stieg auf Torrs Rücken, der als Karussellpferd eine weitaus weniger beängstigende Höhe hatte.

„Auf geht`s“, sagte er mit fester Stimme.

„Du kommst mit, du kommst wirklich mit!“

Torr schien sein Glück kaum fassen zu können, und während er vom Karussell sprang, und sein normales Aussehen wieder annahm, murmelte Jan: „Das glaubt mir keiner.“ Er zuckte überrascht zusammen, als Torr plötzlich laut wieherte. Dann passierte etwas Merkwürdiges: aus dem Nichts schlug vor ihnen ein Blitz in den Boden. Er blieb wie eine leuchtende Brücke zwischen Himmel und Erde bestehen und Torr galoppierte darauf zu.

 

*****

 

Auch Lumm hatte den Blitz bemerkt und änderte die Richtung. Als der Troll jedoch die Stelle erreichte, an der eben noch der Blitz den Himmel und die Erde verbunden hatte, hatte sich dieser bereits von der Erde gelöst und Lumm konnte nur noch die Umrisse des Pferdes und des Jungen erkennen, die in den Himmel ritten. Er knurrte vor Wut und Angst. Sie waren ihm entwischt. Das gab Ärger. Wütend hieb er mit seinem Stock auf den Boden und ein großer Riss im Erdreich entstand. Lumm sprang hinein und die Erde schloss sich über ihm.

 

Der Freizeitpark lag wieder ruhig und verlassen in der Novembersonne. Niemand schien das Verschwinden des Jungen und der zwei merkwürdigen Wesen bemerkt zu haben.

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Der zweite Teil der Aussenseiter Saga nimmt Formen an.

Soviel sei vorweg verraten:

Dieses Mal bekommen Christina, Jo und Noah es zwar mit einem wütenden Poltergeist und einem schwarzen Engel zu tun, doch der wahre Feind lauert im Verborgenen

 

Keine Ahnung, wer die Aussenseiter sind?

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