Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Seite 2 - Kapitel 1

Der Junge stand wie erstarrt. Obwohl sich das Pferd direkt vor ihm befand, konnte er durch es hindurch die Wand dahinter sehen. Der ganze Spuk dauerte nur ein paar Sekunden, dann sah das Tier wie ein ganz normales Pferd aus, wenn man von der goldenen Mähne einmal absah. Es schüttelte den Kopf und sagte dann: „Ich finde du siehst mit offenem Mund nicht besonders intelligent aus, Jan.“

Der Junge klappte den Mund zu, bewegte sich aber immer noch keinen Zentimeter.

Woher kennst du meinen Namen?“, wollte er fragen, doch aus seinem Mund kam nur ein heiseres Krächzen. Er räusperte sich.

Woher kennst du meinen Namen?“, wiederholte er und machte einen Schritt rückwärts. Dabei stieß er mit dem Fuß an die Bordsteinkante und wäre fast gefallen. Er ruderte wild mit den Armen und versuchte sich irgendwo festzuhalten, fand aber  nichts. Zu seiner eigenen Überraschung gelang es ihm trotzdem, das Gleichgewicht wiederzufinden. Das Pferd schien zu grinsen.

Ich kenne nicht nur deinen Namen, Jan“, antwortete es, „ aber bevor ich dir das erkläre, sollten wir uns erst einmal aus dem Staub machen. Der Troll kann nämlich auch jeden Moment den Weg zu dir gefunden haben.“

Erst jetzt bemerkte Jan das Wesen, das sich nun direkt hinter der Fabrikwand zu befinden schien. Es sah aus, als stünde der Troll hinter einer Glasscheibe, an die er seine dicke schwarze Nase presste, um zu sehen, was auf der anderen Seite war. Seine roten Augen glitzerten bösartig und mit seinen dreifingrigen Händen schien er die Wand nach etwas abzutasten. Jan bemerkte, wie sich ihm die Nackenhaare hochstellten und er eine Gänsehaut bekam.

Warum soll ich mit dir mitkommen?“, flüsterte er, „ich habe dem Troll doch gar nichts getan!“

Bei allen Elfen“, schimpfte das Pferd, „dem Troll ist es völlig egal, ob du ihm was getan hast oder nicht. Und jetzt müssen wir hier weg, und zwar möglichst bevor dieses Monster das Weltentor gefunden hat. Also entweder vertraust du mir und kommst mit oder du musst dich alleine mit dem da unterhalten, ich werde nämlich auf jedem Fall verschwinden.“

Jan schaute zur Mauer. Dem Troll war es gerade gelungen, eine seiner behaarten Klauen aus der Mauer zu strecken. Jans zuckte zusammen, drehte sich auf dem Absatz um und rannte davon. Zumindest dachte er das, doch als er kurz über seine Schulter blickte und sah, wie der Troll mit dem Oberkörper aus der Wand hervorkam, stellte er fest, dass er sich nur wenige Meter bewegt hatte. Jan versuchte noch schneller zu laufen, aber er schien gegen Gelee anzukämpfen.

Sieh ihn nicht an und klettere endlich auf meinen Rücken“, sagte das Pferd, das wieder neben ihm stand. Der Troll war jetzt, bis auf seinen rechten Fuß vollkommen aus der Wand heraus und hob die Nase schnüffelnd in den Wind.

Sobald er uns gewittert hat, ist es zu spät zum Fliehen, er wird schneller hier sein, als du dir vorstellen kannst, also komm` endlich“, bat das Pferd eindringlich.

Die Vorstellung dem Troll hilflos ausgeliefert zu sein, ließ Jan alles andere vergessen. Er sah sich um und entdeckte neben der Straße eine alte, halb verfallene Mauer, die fast verborgen hinter einem Gebüsch stand.

Komm da hin“, rief er dem Pferd zu und zeigte auf das Gebüsch, „ich versuche von der Mauer aus, auf deinen Rücken zu steigen.“

Das Tier trabte zum Gebüsch und wartete. Der Weg zur Mauer kam Jan endlos lang vor. Seine Füße schienen bei jedem Schritt am Boden festzukleben, er war kaum fähig sie vom Pflaster zu lösen. Endlich hatte er es geschafft. Die Mauer war noch feucht vom Morgentau und höher als er gedacht hatte, aber die Angst verlieh ihm Flügel. Er kletterte hinauf, indem er die vorspringenden Mauersteine wie eine Treppe benutzte und sich oben am Mauerrand festhielt. Oben von der Mauer aus sah der Rücken des Pferdes nicht mehr so schrecklich hoch aus, trotzdem schaffte Jan es nicht, aufzusteigen. Er rutschte ab und wäre beinahe von der Mauer gefallen. Schweiß perlte auf seiner Stirn und seiner Oberlippe und er geriet in Panik. Er sah hinüber zum Troll. Zum Glück hatte dieser ebenfalls seine Schwierigkeiten, allerdings damit, seinen rechten Fuß aus der Fabrikwand zu ziehen und war deshalb abgelenkt. Jan wagte einen zweiten Versuch, und diesmal klappte es. Kaum saß er mehr schlecht als recht auf dem Rücken des Pferdes, da galoppierte es auch schon los, ohne Rücksicht auf den Jungen zu nehmen, der sich ängstlich an seiner Mähne festklammerte. Im gleichen Moment zog der Troll mit einem Triumphgeheul seinen Fuß aus der Mauer, drehte sich um und hob die Nase witternd in die Luft.

 

Das Pferd galoppierte mit Jan auf dem Rücken ziemlich orientierungslos durch die Gassen. Mehr durch Zufall erreichten sie die Hauptstraße, liefen bei Rot über eine Kreuzung und direkt durch eine alte Frau hindurch, die gerade dabei war, die Straße zu überqueren. Jan schrie vor Schreck, doch die Frau schien sie überhaupt nicht zu bemerken. Keiner der Menschen, die sich auf der Straße befanden, nahm auch nur die geringste Notiz von ihnen.

Sie können uns nicht sehen“, erklärte das Pferd dem völlig verdutzten Jan, „für sie existieren wir nicht.“

Jan, der sich inzwischen in einem Stadium befand, in dem ihn fast gar nichts mehr überraschte, nickte nur stumm und versuchte nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Immer wieder warf er einen Blick über die Schulter, um festzustellen, ob der Troll ihnen auf den Fersen war, aber von ihrem Verfolger war nichts zu sehen. Als Jan sich einigermaßen an die Bewegungen des Pferdes gewöhnt und seine Angst nachgelassen hatte, fand er, dass es an der Zeit war herauszufinden, was hier eigentlich passierte. Er lehnte sich vorsichtig nach vorne und rief in das linke Ohr des Pferdes: „Kannst du mir jetzt vielleicht sagen, was das Ganze hier soll und warum es passiert?“ Das Pferd zuckte zusammen und hätte Jan vor Schreck fast abgeworfen.

„Schrei nicht so“, schnaubte es, „ich bin doch nicht taub. Ich werde dir gleich alles erklären. Gibt es hier irgendwo einen Ort, wo wir uns verstecken können? Wenigstens für kurze Zeit, denn finden wird uns dieses miese Fellgesicht von einem Troll garantiert!“

Jan überlegte. Er hielt sich wieder in der Mähne des Pferdes fest, so einfach war das mit dem Reiten scheinbar doch nicht. Dann fiel ihm der Freizeitpark am Ende der Stadt ein. Er war geschlossen, da es inzwischen viel zu kalt für seine Attraktionen geworden war.

„Lauf bei dem grauen Bürohaus da vorne nach links, und wenn du aus der Stadt kommst, gleich rechts, in den ersten Feldweg, das ist eine Abkürzung zum Freizeitpark. Der ist zurzeit geschlossen“, rief Jan dem Pferd zu, diesmal jedoch nur halb so laut.

„Ich weiß allerdings nicht, wie wir da reinkommen wollen, denn der Park ist von einem hohen Zaun umgeben.“

News

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Soviel sei vorweg verraten:

Dieses Mal bekommen Christina, Jo und Noah es zwar mit einem wütenden Poltergeist und einem schwarzen Engel zu tun, doch der wahre Feind lauert im Verborgenen

 

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