Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Leblos ...

Seite 2

Nun, da er sich entschieden hatte, eilte er den Hügel hinauf. Er befürchtete, bei der Kate, auf weitere Tote zu stoßen und wollte dies möglichst im letzten Licht des Tages tun. Seine Ahnung erwies sich als richtig. Als er die Kate erreichte, sah er links daneben einen kleinen, hölzernen Unterstand. Ein Mann stand gebückt davor und untersuchte den Huf eines mächtigen Ackergauls. Ebenso wie die Frau im Feld, waren Mann und Pferd vollkommen starr und wirkten trotzdem beängstigend lebendig. Er zögerte einen Augenblick, wandte sich dann aber doch zur Tür der Kate. Sie stand einen Spaltbreit offen, gerade weit genug, dass er sich hindurchzwängen konnte. Kaum hatte er sein selbst gewähltes Nachtquartier betreten, als er auch schon erschrocken stehen blieb. Vor ihm, auf dem Fußboden, saß im Halbdunkeln, ein etwa zweijähriges Kind und hielt ihm mit ausgestreckten Ärmchen eine Lumpenpuppe entgegen. Der Mund des Kindes war zu einem Lächeln verzogen. Ein Speichelfaden lief an seinem Kinn entlang und gipfelte in einem dicken Tropfen, der vor dem Herunterfallen erstarrt war.

Mit schnellen Blicken suchte er den Raum ab, doch das Kind war alleine. Allerdings gab es am hinteren Ende eine halb offen stehende Holztür, die weitere Überraschungen bergen mochte. Er machte einen Bogen um das Kind, ging an einem hölzernen Esstisch vorbei und schaute vorsichtig in den Raum. Es war eine Schlafkammer. Kleidung hing an Haken an der Wand und ein zerwühltes Bett stand zwischen der Tür und einem Fenster, durch das nun die untergehende Sonne rotgolden hereinschien. Erleichtert stellte er fest, dass es hier keine weiteren Toten gab. Er kehrte in den Wohnraum zurück und steuerte den großen, eisernen Herd an. Er gedachte sich ein Feuer zu machen, um die Dunkelheit zu vertreiben, doch die schwere Feuerklappe ließ sich nicht öffnen, und kein Holzscheit sich vom Haufen nehmen. Ebenso wenig, wie sich die Türen schließen ließen, wie er später feststellen musste. Er breitetet sich ein schnelles Mahl von dem Proviant, den er bei sich trug, und da er ständig das Gefühl hatte beobachtet zu werden, begab er sich anschließend in die Schlafkammer. Er setzte sich, nachdem er vergeblich versucht hatte, eine Strohmatratze aus dem Bett zu ziehen, mit angezogenen Knien auf dasselbe, das Schwert neben sich, sowohl das Fenster als auch die halb geöffnete Tür im Blick. Nicht, dass es ihm viel genutzt hätte.

Nachdem die Sonne untergegangen war, wurde es stockfinster im Raum. Er konnte die Hand vor Augen nicht sehen. Sein Herz klopfte bis zum Hals, und obwohl er sich selbst einen Feigling schimpfte, konnte er sich kaum beruhigen. In keiner der Schriften war mit einem einzigen Wort erwähnt worden, was geschah, wenn sich die Dunkelheit über dieses Land legte, deshalb lauschte angestrengt, das Schwert in der Hand. Die Erschöpfung ließ ihn schließlich einnicken, doch er fuhr sofort aus seinem unruhigen Schlummer, denn er vermeinte schlurfende Schritte zu hören, die sich der Schlafkammer näherten. Mit einem Aufschrei sprang er vom Bett und hieb mit dem Schwert um sich, doch die Schläge gingen ins Leere. Wieder schien seine Fantasie ihm einen Streich gespielt zu haben, doch nun verbot er sich, mit aller Kraft, seine Augen zu schließen. Er verbrachte die furchtbarste Nacht seines Lebens, in der er allerlei leise Geräusche zu vernehmen meinte, und sobald die Sonne aufging, verließ er müde, und so schnell er konnte, den Raum.

 

Draußen fand er alles wie zuvor. Im Wohnraum saß das Kind noch immer fröhlich sabbernd auf dem Fußboden und vor der Kate untersuchte der Bauer unverdrossen den Huf seines Pferdes. Obwohl er fast sicher war, dass auch die Bäuerin noch im Feld kniete, ging er ein Stück den Hügel hinunter, um sich zu überzeugen.

Als er sie schließlich sah, liefen ihm eisige Schauer über den Rücken. Sie war zwar unverändert dort, doch schien es ihm, als hätte die den Kopf leicht gedreht und sähe nun in seine Richtung. Keuchend fuhr er zurück und rannte über die Felder davon. Auch wenn man ihm nichts getan hatte, konnte er das Grauen, dass er bei dem Gedanken an eine weitere Nacht in diesem Land verspürte, nicht abschütteln.

Je näher er seinem Ziel kam, desto mehr lastete die Stille auf ihm und um so bizarrer wurden die Dinge, die ihm begegneten. Er entdeckte einen Storch, der beim Landeanflug über seinem Nest erstarrt war und nun bewegungslos in der Luft hing, wie von einer unsichtbaren Hand getragen. Kurze Zeit später stieß er auf ein Kind, das über einem Bach schwebte. Es musste wohl gerade los gesprungen sein, als der Schrecken das Land ereilt hatte. Er machte einen großen Bogen um es herum und fragte sich, wie viel von alledem er noch ertragen konnte, bevor das Entsetzen ihn endgültig übermannte.

Endlich, zur Mittagszeit, erreichte er sein Ziel. Mit klopfendem Herzen blieb er vor dem königlichen Schloss stehen, das vollkommen hinter einer hohen Dornenhecke verschwunden war.

Langsam ging er um die Hecke herum und suchte sie mit den Augen nach einem Durchgang, einer Schneise zwischen den Zweigen ab. Sein Mund wurde knochentrocken und das Schwert in seiner Hand zitterte, als alles, was er fand, die Körper derer waren, die vor ihm versucht hatten, die Hecke zu durchqueren. Nachdem er sie zweimal umrundet hatte, bemerkte er, dass währenddessen Rosen zwischen den Dornen erblüht waren. Erstaunt über dieses unvermutete Anzeichen von Leben, umfasste er sein Schwert fester und beschloss, sich den Weg ins Innere frei zu schlagen.

 

Zu seiner Überraschung setzte ihm die Hecke keinen Widerstand entgegen, sondern schien im Gegenteil fast freiwillig zu weichen, so dass es nicht lange dauerte, bis er sich vor der Schlossmauer wiederfand. Als er ein Stück an ihr entlang ging, sah er, dass das Haupttor weit geöffnet war. Rechts und links davon standen Wachen, bewegungslos auf ihre Speere gestützt. Er betrat den Schlosshof und fand dort Mägde, die, große Platten mit Speisen tragend, auf dem Weg ins Schloss erstarrt waren. Selbst der Dampf der Speisen hing noch immer bewegungslos in der Luft.

Ohne recht zu wissen, wonach er suchte, betrat er das Schloss und stieg die breiten, mit rotem Samt bedeckten, Stufen hinauf. Er passierte Edelleute in prächtigen Gewändern, Wachen, Diener und Mägde, alle vollkommen bewegungslos, und stand schließlich vor dem königlichen Thron. Der Herrscher und seine Gemahlin hatten sich einander bereits vor langer Zeit lächelnd zugewandt und verharrten noch immer in dieser Position. Schon während er seinen Blick über die reich verzierten Gewänder der Gäste und die, sich unter Speisen biegenden, Tische gleiten ließ, wusste er, dass er hier nicht fündig werden würde.

Nach und nach durchsuchte er jedes Zimmer und jeden Raum, und als es anfing zu dämmern, wusste er immer noch nicht, wonach er eigentlich suchte. Nur, dass er es bisher noch nicht gefunden hatte.

Er verließ das Schloss, umrundete es und entdeckte endlich, in einem der vier Türme, eine kleine Holztür, die nur angelehnt war. Er öffnete sie mit seinem Schwert, und obwohl es ihn einige Anstrengung kostete, gelang es ihm. Wie zuvor bei der Hecke hatte er das Gefühl, dass sie sich hatte öffnen wollen. Er stieg die enge, dahinter liegende Wendeltreppe nach oben und fand, im Turmzimmer, auf einem schmalen Bett, ein wunderschönes Mädchen. Es lag da wie tot und schien gleichzeitig nur tief und fest zu schlafen. Während die Sonne langsam versank, durchsuchte er den Raum nach dem Gegenzauber, der angeblich dieses Land erlösen sollte, und obwohl er fühlte, dass er an der richtigen Stelle suchte, konnte er ihn nicht finden. Schließlich setzte er sich entmutigt auf den einzigen Stuhl, der neben die schlafende Schönheit stand, und obwohl der Wunsch, sie zu küssen, fast übermächtig wurde, weigerte er sich, ihre Situation auszunutzen.

Es tut mir Leid“, flüsterte er leise.

Ich hätte dir und deinem Volk gerne geholfen, doch es soll wohl nicht sein. Vielleicht findet der Nächste einen Weg.“

Er überlegte kurz, ob er das Schloss verlassen sollte, bevor es dunkel wurde, denn die Erinnerung an die letzte Nacht machte ihm zu schaffen und der Gedanke an die unzähligen erstarrten Menschen im Schloss, ließen seinen Mund trocken werden, doch er entschied sich, bei dem Mädchen zu bleiben. Zumindest das war er ihr schuldig.

Nach dem Verblassen des letzten Sonnenlichtes wurde es, wie bereits in der Nacht zuvor, stockfinster.

Mit klopfendem Herzen und aufgerissenen Augen saß er da und lauschte. Die Bäuerin kam ihm in den Sinn und die Härchen auf seinen Armen stellten sich auf. Da! Er vermeinte ein leises Rascheln gehört zu haben. Mit geöffnetem Mund und so geräuschlos wie möglich atmend, lauschte er angestrengt. Und dann hörte er es wieder. Ein Rascheln, so zart wie Schmetterlingsflügel. Etwas berührte sein Gesicht. Er schrie vor Schreck.

Du hättest mich küssen sollen, dann wäre die Geschichte anders ausgegangen", flüsterte eine heisere Stimme, direkt neben seinem Ohr, „aber so geht es auch!"

Und genau in dem Moment, als der Prinz erkannte, wer da sprach, schlugen sich spitze Zähne in seinen Hals.

Während das Leben aus ihm wich, hörte der Prinz, wie sich die anderen Kreaturen im Schloss regten, und als der Tod kam, um ihn zu holen, ging ihm auf, dass er zwar dieses Land gerettet, doch den Rest der Welt verdammt hatte.

News

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Der zweite Teil der Aussenseiter Saga nimmt Formen an.

Soviel sei vorweg verraten:

Dieses Mal bekommen Christina, Jo und Noah es zwar mit einem wütenden Poltergeist und einem schwarzen Engel zu tun, doch der wahre Feind lauert im Verborgenen

 

Keine Ahnung, wer die Aussenseiter sind?

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