Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Leblos ...

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, in einem fernen Land ...

Nachdenklich starrte der Prinz auf das verwitterte Schild, das auf die Landesgrenze verwies. Schon in seiner frühsten Kindheit hatte man ihm von diesem Land und seinen bedauernswerten Bewohnern erzählt und erklärt, dass er sie erlösen würde, sobald er alt genug dafür war. So war er mit dem Wunsch aufgewachsen, den Fluch des Landes zu brechen und es zu retten. Nun, endlich, hatte man ihm erlaubt, sein Glück zu versuchen. Warum also zögerte er? Sein Blick wanderte zu dem Wald, der kurz hinter der Landesgrenze begann. Nichts bewegte sich darin und die Totenstille, die dort herrschte, schien sich bis zu ihm auszubreiten und den Gesang der Vögel, selbst auf dieser Seite, der Grenze, zu dämpfen. Er spürte, wie sich die Härchen auf seinen Armen aufstellten. Alle Überlieferungen versicherten, dass das, was das Land und seine Bewohner befallen hatte, nicht ansteckend war und doch ... so viele hatten es vor ihm versucht und waren nicht zurückgekehrt.

Er warf einen Blick hinter sich und dann noch einen auf das Schild. Schließlich straffte er die Schultern. Dies war seine Bestimmung, dafür hatte er trainiert und es gab nur eine Richtung, in die er gehen konnte. Mit großen Schritten überwand er den Streifen Niemandsland, der Fremde, die hier zufällig vorbei kamen, daran hindern sollte, das Land unbeabsichtigt zu betreten. Ohne anzuhalten, ging er weiter. Seine Entscheidung war gefallen und was nun kam, lag nur noch bedingt in seiner Hand. Wenn die Informationen, die er in den Schriften gefunden hatte, richtig waren, befand sich der Ort, den er aufsuchen musste, im Norden, etwa zwei Tagesmärsche entfernt. Während er den vor sich liegenden Wald ansteuerte, pfiff er leise vor sich hin, ließ es aber sofort wieder sein. Zu grotesk erschien ihm das Geräusch in dieser schweigenden, toten Umgebung. Nicht, dass das Land an sich tot gewirkt hätte. Das genaue Gegenteil war der Fall. Die Wiese, über die er jetzt schritt, war übersät von Blumen, das Gras war grün und satt und auch die Bäume vor ihm, waren dicht belaubt. Es fehlte jedoch jegliche Art von Leben. Nicht eine Biene flog summend über die Blumen, kein Käfer krabbelte über die Grashalme, die sich durch seine Beine nur sehr schwerfällig bewegen ließen, sodass ihm das Gehen, wie ein Waten durch dickflüssigen Schlamm vorkam. Als er den Wald endlich erreichte und ihn betrat, stellte er entsetzt fest, dass seine Bewohner noch da waren.

Er sah starre und unbewegliche Vögel in den Zweigen der Bäume sitzen, denen er sich jetzt näherte, und wäre fast über ein Kaninchen gestolpert, welches vor ihm auf dem Weg saß und ihn mit blicklosen Augen ansah. Er schluckte mit trockenem Mund. Was immer hier geschehen war, war um Vieles schlimmer, als die Schriften berichteten. Vorsichtig folgte er dem Pfad, der sich in der Tiefe des Waldes verlor. Immer wieder blickte er sich um, weil er vermeinte, Schritte hinter sich zu hören, doch sie schienen nur seiner Vorstellung, und der albtraumhaften Atmosphäre, die hier herrschte, entsprungen, denn so oft er sich auch umdrehte, hinter ihm war nie eine Bewegung auszumachen.

Während seines Weges verwunderte ihn immer wieder aufs Neue, die Schönheit der vermeintlich blühenden Natur, die im krassen Gegensatz zu den toten Bewohnern dieses Landes stand. Dichter Farn wuchs zu seinen Füßen, Fliegenpilze leuchteten wie Farbtupfer im Unterholz und dicke Beeren hingen an den Hecken. Hätte nicht vollkommene Stille geherrscht und hätte er nicht gewusst, dass hinter all der Schönheit das Grauen lauerte, wäre der Weg durch den Wald angenehm gewesen, doch so fragte er sich ständig, wann er das nächste erstarrte Lebewesen finden und wann es ein Mensch sein würde.

Als er den Wald schließlich verließ, stand die Sonne bereits tief am Himmel und er begann, sich Gedanken über sein Nachtlager zu machen. Während er noch überlegte, ob er lieber im Freien übernachten oder nach einem Unterstand Ausschau halten sollte, stieß er im Vorbeigehen an etwas Hartes. In seine Gedanken versunken, hatte er nicht auf den Weg geachtet und blieb nun stehen, um herauszufinden, was es gewesen war.

"Bitte lass es kein erstarrtes Tier gewesen sein", dachte er, während er sich seine Hüfte rieb. "Keinen erstarrten Menschen", ging es ihm durch den Kopf.

Es handelte sich weder um das eine, noch um das andere, sondern um eine Hecke. Obwohl er recht kräftig dagegen gestoßen war, bewegte sich kein Blatt. Zögernd tippte er eins an und zuckte zusammen, als es, steif wie ein Brett, nicht einen Millimeter nachgab. Er zog die Hand zurück und entdeckte hinter der Hecke einen Bach, dessen Wasser vollkommen regungslos, und wie gemalt, im Bachbett lag. Schweiß brach ihm aus. Die Entdeckung, dass es tatsächlich etwas gab, was die Macht hatte, jegliches Lebewesen erstarren zu lassen, war schon schrecklich genug gewesen, doch die gesamte Natur? Das Grauen drohte ihn zu überwältigen. Darauf hatten ihn die Schriften nicht vorbereitet. Er zog sein Schwert, und obwohl ihm die Sinnlosigkeit dieser Geste bewusst war, fühlte er sich augenblicklich besser. Mit dem Schwert in der Hand ging er weiter.

Die erste Tote, die er sah, war eine Bäuerin. Sie kniete einfach da, mitten in einem Kartoffelacker. Hinter ihr, auf einer kleinen Anhöhe, stand eine strohgedeckte Kate. Mit einer Art morbider Faszination umrundete er die Frau und betrachtete sie eingehen. Sie sah nicht tot oder gar schlafend aus, sondern so, als würde sie jeden Moment aufstehen. Sie hatte gerötete Wangen, eine Haarsträhne war aus ihrer Haube entwischt und ihr Mund leicht geöffnet. Vorsichtig stupste er sie an, doch sie bewegte sich ebenso wenig, wie zuvor das Blatt der Hecke. Unschlüssig darüber, was er tun sollte, blieb er neben ihr stehen und wog ab, ob es weniger gruselig wäre, die Nacht in der Kate dieser, äußerst lebendig aussehenden, Toten zu verbringen oder einfach weiterzugehen und vielleicht im Dunkeln auf weitere erstarrte Menschen zu treffen. Die Kate gewann. 

News

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Der zweite Teil der Aussenseiter Saga nimmt Formen an.

Soviel sei vorweg verraten:

Dieses Mal bekommen Christina, Jo und Noah es zwar mit einem wütenden Poltergeist und einem schwarzen Engel zu tun, doch der wahre Feind lauert im Verborgenen

 

Keine Ahnung, wer die Aussenseiter sind?

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