Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Die Katze

Seite 2

„Guten Abend“, ertönte eine Stimme vom Fußende ihres Bettes. Luisa setzte sich vorsichtig auf, und da saß sie: Die Katze.

„Wie bist du hier rein gekommen? Tiere sind im Krankenhaus verboten. Hat dich niemand gesehen?“ sprudelte es aus Luisa heraus.

„Ach Luisa“, seufzte die Katze, „ihr Menschen schaut doch nie richtig hin, deshalb seht ihr auch nur einen Bruchteil von dem, was existiert.“

„Aber ich sehe dich doch“, protestierte Luisa.

„Natürlich“, stimmte die Katze zu, „aber nur du siehst mich. Ist dir das denn wirklich noch nicht aufgefallen?“
„Doch“, gab Luisa zu, „woran liegt das?“

„Nun, sagen wir mal, dass deine Sinne jetzt geschärft sind“, antwortete das Tier.
„Warum sind meine Sinne geschärft?“ wollte Luisa es genau wissen.

„Weil sich etwas in dir verändert“, die Katze musterte das Mädchen, mit strahlenden grünen Augen. Überhaupt schien das Dämmerlicht ihr nichts auszumachen. Ihr Fell leuchtete immer noch genauso, wie im Sonnenschein.

„Das hängt mit meinen Kopfschmerzen und dem Nasenbluten zusammen, nicht wahr?“ stellte Luisa fest.

Die Katze nickte. Die Fragen, die Luisa eigentlich als nächste hatte stellen wollen, kamen ihr nicht über die Lippen, deshalb meinte sie: „Du hast vorhin gesagt, dass alle, da wo du herkommst, einfach aus dem Nichts auftauchen können. Das stelle ich mir lustig vor. Man kann sich so bestimmt prima gegenseitig erschrecken.“

„Das könnten wir, aber warum sollten wir das tun? Warum sollten wir uns gegenseitig Angst einjagen?“ die Katze schaute ganz überrascht.
„So habe ich das noch gar nicht gesehen“, murmelte Luisa kleinlaut.

„Ich weiß, weil für euch Menschen das <sich gegenseitig Erschrecken> schon zur Gewohnheit geworden ist, denkt niemand mehr darüber nach.“

Die Katze drehte sich, mit den Pfötchen tretend, im Kreis und fuhr dabei ihre Krallen aus und zog sie wieder ein. Dann legte sich sich hin.

Luisa beugte sich vor: „Und wie ist es dort, wo du herkommst? Wie lebt man dort?“ „Dort wo ich herkomme, ist alles Licht und Liebe. Wenn du fliegen willst, kannst du fliegen, und wenn du lieber tauchen willst, kannst du auch das. Du kennst alle Geheimnisse und sprichst alle Sprachen, es gibt keine Grenzen und keinen Neid. Die Landschaft ist blühend und gesund und sieht so aus, wie du es gerne möchtest. Es gibt dort kein Wesen, das wichtiger, bedeutender oder geringer wäre, als irgend ein
anderes. Alles was existiert, ist gleich.“

Luisa sah die Katze mit träumenden Augen an.

„Das klingt wunderbar, kann ich dich dort denn mal besuchen?“

Das Tier schüttelte den Kopf.

„Das geht nicht, Luisa. Wer zu uns kommt, der kommt nicht nur zu Besuch, sondern bleibt für eine Weile, und wenn er zur Erde zurückkehrt, dann in einem neuen Kleid. Deshalb erkennen ihn die Menschen, die ihn früher kannten, auch nicht wieder. Wie gesagt, die meisten Menschen schauen nie richtig hin.“

„Aber wenn ich nur ein anderes Kleid trage, wird meine Mutter mich doch wiedererkennen, da bin ich mir ganz sicher“, protestierte Luisa, „zeig mir doch wenigstens ein bisschen von deiner Welt.“

Die Katze überlegte eine Weile, dann erhob sie sich und sagte: „Es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür, aber ich kann dich wenigstens schon mal zum Tor bringen. Dort musst du dann selbst entscheiden, ob du eintreten oder zurückkehren willst. Folge mir einfach.“ Das Tier sprang vom Bett. Luisa erhob sich und folgte ihm zur Tür.

Sie gingen durch das Krankenhaus und hinaus auf die Straße, und obwohl es von Menschen nur so wimmelte, hielt niemand das kleine Mädchen, im Nachthemd, auf. Die Katze lief von der Straße weg, in den, hinter dem Krankenhaus liegenden, Pinienwald, und Luisa tat es ihr gleich. Sie waren noch nicht lange gegangen, da kamen sie zu einer Lichtung, mit einem silberglänzenden Wasserfall. Feine Gischt sprühte, und das Wasser, welches sich, unterhalb des Falles, in einem Teich sammelte, war so glasklar, dass Luisa den Grund sehen konnte.

„Es ist wunderschön“, flüsterte sie heiser, „aber wo ist das Tor,von dem du sprachst?“

„Der Wasserfall ist das Tor, wenn du durch ihn hindurch schwimmst, bist du da, wo ich herkomme. Aber denke daran Luisa, noch hast du Zeit. Du musst nicht heute gehen.“

Die Katze sah das Mädchen abwartend an.

„Es ist so schön“, murmelte Luisa leise, „und es ist, als hörte ich auf der anderen Seite glückliches Lachen. Und trotzdem, ich weiß nicht. Ich glaube, ich überlege es mir nochmal.“

Die Katze nickte.

 

Luisa? Komm Mädchen, mach die Augen auf!"

Jemand gab ihr eine Spritze. Luisa jammerte ein bisschen, weil sie Spritzen hasste und auch weil sie nicht wusste, warum sie wieder im Bett lag, wo sie doch eben noch, mit der Katze, beim Wasserfall gewesen war. Sie öffnete vorsichtig die Augen und blickte in das besorgte Gesicht des Kinderarztes.

„Na, was machst du denn für Sachen?“ fragte dieser, doch Luisa sah sich, statt zu antworten, nur suchend um. Die Katze war verschwunden.



Am nächsten Abend war Luisa immer noch im Krankenhaus. Neben ihrem Bett stand ein Ständer, an dem ein durchsichtiger, mit einer Flüssigkeit gefüllter, Beutel hing. Dieser war durch einem Schlauch mit einer Nadel verbunden, die in ihrem Arm steckte. Am Morgen hatten ihre Eltern sie, wie versprochen, besucht, und ihre Mutter war in Tränen ausgebrochen, als Luisa von ihr hatte wissen wollen, ob diese sie wiedererkennen würde, wenn sie wegginge und irgendwann, in einem neuen Kleid, zurückkehre würde. Nun lag sie wieder in der Dunkelheit und wartete auf die Katze. Sie wusste, dass diese kommen würde. Es gab noch so viel zu besprechen. Das Tier ließ sie nicht lange warten.

„Hallo Luisa“, begrüßte es das Mädchen und machte einen Satz auf das Bett.

„Du siehst aus, als hättest du noch einige Fragen.“

Luisa nickte.

Ich bin sehr krank, nicht wahr? Wenn es nicht so wäre, wäre ich jetzt wieder zu Hause. Ich weiß es, auch wenn meine Mama gesagt hat, das alles wieder gut wird. Wird alles wieder gut?“

„Am Ende wird immer alles wieder gut, das ist der Lauf der Dinge“, antwortete die Katze.

„Dann werde ich wieder gesund?“ freute sich Luisa.

„Du bist gesund“, sagte die Katze rätselhaft.

„Das einzige was krank ist, ist dein Körper. Die Menschen verwechseln immer das Kleid, das sie in ihrem Leben tragen, mit sich selbst.“

„Was heißt das?“ fragte Luisa verwirrt, obwohl sie das Gefühl hatte, die Antwort bereits zu kennen.

„Stell dir einmal vor, du sitzt in einem Auto. Du fährst dieses Auto, Tag für Tag, Jahr für Jahr und eines morgens, springt es nicht mehr an. Bist du, nur weil das Auto kaputt ist, auch tot? Oder sagst du nicht eher: <OK, wir hatten eine schöne Zeit zusammen, doch nun ist der Moment gekommen, auf die Suche nach einem neuen Auto zu gehen.>? So ist es auch mit deinem Körper. Er ist das Kleid, welches du in diesem Leben trägst oder, wenn es dir lieber ist, das Auto, welches du in diesem Leben fährst. Nur weil der Motor stottert, und ein Reifen geplatzt ist, heißt das noch lange nicht, dass auch du krank bist. Es heißt nur, dass es bald an der Zeit ist, ein neues Auto zu suchen.“

Beide schwiegen einen Moment.

„Also werde ich sterben“, stellte Luisa ruhig fest.
„Hm“, machte die Katze, wenn du es so willst: Ja. Sterben ist das, was ihr dazu sagt. Umziehen, würde ich es nennen.“

„Und du bist mein Schutzengel“, führte Luisa ihre Gedanken fort.

Die Katze lächelte. Luisa streichelte ihr geistesabwesend über den Kopf. Wie einfach ihr diese beiden Feststellungen nun von den Lippen kamen. Noch gestern war sie nicht in der Lage gewesen, sie zu formulieren.
„Wann ist es soweit?“ fragte sie das Tier.

Bald“, war alles, was ihr Schutzengel antwortete.

 

Von Tag zu Tag, wurde Luisa schwächer und blüht nur auf, wenn die Katze abends kam, um sie zu besuchen. Sie redeten und redeten, und vieles, was ihr das Tier über das Leben auf der anderen Seite berichtete, hatte Luisa bereits am nächsten Morgen vergessen. Trotzdem blieb immer ein Gefühl der Geborgenheit und der Liebe zurück. Eines Abends, Luisas Eltern waren nur für einen Moment aus dem Zimmer gegangen, sprang die Katze nicht wie sonst auf Luisas Bett, sondern blieb vor der Tür stehen.

Du hast mich gebeten, dir zur verraten, wie ich wirklich aussehe“, sagte sie, „der Moment dafür ist gekommen. Lass uns zum Wasserfall gehen und hinüber schwimmen, dann wirst du meine wahre Gestalt sehen.“

Luisa nickte und stieg aus dem Bett. Verwundert stellte sie fest, dass die Nadel in ihrem Arm nicht mehr schmerzte und sie ohne Probleme laufen konnte. Sie folgte dem Tier bis zu der Lichtung mit dem Wasserfall.

„Wird es wehtun?“ fragte sie die Katze.

Diese schüttelte den Kopf.

„Im ersten Moment ist es ein bisschen kalt, so wie immer, wenn man nachts ins Wasser springt, das ist alles. Was meinst du, wollen wir zusammen springen?“

Luisa nickte, und das Mädchen und die Katze sprangen in den kleinen Teich. Es war kalt, aber gleichzeitig auch angenehm, und während sie durch den Wasserfall schwammen, sah Luisa die wahre Gestalt der Katze.



 

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