Nicole Fünfstück schreibt
Nicole Fünfstück schreibt

Die Katze

 

„Me voy, te vas, se va...“ klang  es mehrstimmig aus dem geöffneten Fenster des Klassenzimmers. Luisa murmelte leise die geforderten Worte, doch sie war nicht recht bei der Sache, es war einfach zu warm zum Lernen. Immer wieder wanderte ihr Blick über den Schulhof, hinüber zu der kleinen Dorfkirche und deren alter Turmuhr. Gleich war der Unterricht vorbei, dann würde sie nach Hause laufen, die Badesachen einpacken und schwimmen gehen. Wenn sie sich ein wenig reckte, konnte sie das Mittelmeer sogar, türkisgrün, zwischen den Dorfhäusern, leuchten sehen. Luisa starrte träumend auf den in der Sonne liegenden, umzäunten Pausenhof, dessen Kopfsteinpflaster von Schatten spendenden Pinien unterbrochen wurde. Sie seufzte leise und wollte ihre Aufmerksamkeit gerade wieder dem Unterricht zuwenden, als sie die Katze bemerkte.
Regungslos saß diese auf dem Hof, in der Sonne und starrte, ohne zu zwinkern, zu dem Fenster hinüber, hinter dem Luisa saß. Es war eine wunderschöne Katze: Getigert und mit großen, klaren, grünen Augen, die Luisa direkt anzusehen schienen. Das Mädchen und das Tier musterten sich eine ganze Weile, ohne sich zu bewegen, dann erklang die Schulglocke. Die Katze zuckte mit der Schwanzspitze, erhob sich, stolzierte bis zum Tor und drehte sich dort noch einmal um. Sie warf Luisa einen rätselhaften Blick zu und verschwand dann gemächlich um die Ecke, ohne sich von den ersten, aus dem Schulgebäude stürmenden, Kindern stören zu lassen. Luisa starrte ihr verwundert hinterher.

„Vamos, Luisa“, riss ihre beste Freundin sie aus ihren Gedanken, „schläfst du? Wir wollen doch zum Meer, komm`endlich.“
Luisa zuckte zusammen.

„Raquel, hast du die Katze gesehen?“ fragte sie ihr Gegenüber, während sie schnell ihre Hefte in ihre Schultasche stopfte.

Die Gefragte schüttelte den Kopf.

„Da war keine Katze. Ich habe die ganze Zeit über zum Kirchturm geschaut. Wenn da eine Katze gewesen wäre, hätte ich sie gesehen. Du willst mich wohl auf dem Arm nehmen, vamos.“

Raquel zerrte Luisa zur Tür.
Während ihres Nachhauseweges, der die beiden Mädchen durchs Dorf und vorbei an weißen Häusern führte, deren grüne Fensterläden, wegen der Mittagshitze, geschlossenen waren, dachte Luisa kaum noch an die Katze, und als sie eine Stunde später mit Raquel im Wasser herum tobte, hatte sie das Tier bereits vollkommen vergessen.

Am nächsten Vormittag, zur gleichen Zeit, war es jedoch wieder da. Luisa hatte, obwohl sie wie immer dem Zeiger der Kirchturmuhr gefolgt war, nicht gesehen, wie die Katze auf den Pausenhof gelangt war. Wie am Tag zuvor saß das Tier unbeweglich in der Sonne und starrte sie an, bis die Schulglocke läutete. Dann wandte es sich zum Gehen und stoppte noch einmal am Schultor. Diesmal jedoch, verschwand es nicht sofort um die Ecke, sondern setzte sich erneut und wartete. Die an ihm vorbeigehenden Kinder, ignorierte es vollkommen. Auch die Kinder, schienen die Katze überhaupt nicht zu bemerken.

„Raquel, komm her, schnell. Siehst du sie jetzt? Dort am Tor sitzt sie.“

Luisa zog Raquel zum Fenster und zeigte auf die Katze, die immer noch neben dem
Torpfosten saß.

„Luisa, du brauchst eine Brille, da ist nichts außer einer alten Plastiktüte. Komm jetzt, wir wollten doch ein Eis essen, bevor wir nach Hause gehen.“

Luisa starrte zum Tor. Die Katze war verschwunden, an der Stelle, an der sie eben noch gesessen hatte, lag nur eine zerknautschte, orangefarbene Plastiktüte.

„Aber sie war da“, rief Luisa und lief hinter Raquel her.

 

Die Katze kam von nun an jeden Tag. Sie erschien, von einem Moment zum anderen, und so sehr Luisa sich auch anstrengte, sie bekam nie heraus, wo das Tier so plötzlich herkam. Es erschien einfach zur gewohnten Zeit, verharrte, bis zum Läuten, regungslos in der Sonne und verschwand dann, jedoch nicht, ohne Luisa noch einmal einen rätselhaften Blick zugeworfen zu haben. Doch dann erschien die Katze eines Tages früher als sonst. Entgegen ihren Gewohnheiten, blieb sie diesmal nicht ruhig in der Sonne sitzen, sondern spielte Theater: Sie sprang mit allen Vieren gleichzeitig in die Luft, jagte ihrem eigenen Schwanz hinterher und schoss eine der Pinien immer wieder hinauf und hinunter.  Luisa, die an diesem Tag sehr schlimme Kopfschmerzen hatte, musste laut Lachen, was ihr merkwürdige Blicke von ihren Klassenkameraden ein trug, die das Tier, erstaunlicher Weise, nicht sahen. Auch das wurde zur Gewohnheit. An Tagen, an denen es Luisa nicht gut ging, kam die Katze früher und spielte den Clown, an anderen, saß sie nur ruhig in der Sonne. An einem besonders heißen Tag, kurz vor den Sommerferien, war sie, wie immer wenn Luisa Lopfschmerzen hatte, früher erschienen, saß aber diesmal unter einer der Pinien, im Schatten und putzte sich. Luisa, die ihr, wie in Trance, zugesehen hatte, zog mit einem Mal scharf die Luft ein: Ein fieser, stechender Schmerz, war durch ihren Kopf geschossen. Die Katze hielt mit dem Putzen inne, sah das Mädchen an und sagte: „Nun frag` mich schon, ich merke doch, dass du etwas wissen willst.“

Luisa starrte das Tier überrascht an und vergaß völlig ihre Kopfschmerzen.

„Du kannst sprechen?“ fragte sie ungläubig.

„Natürlich, du doch auch“, antwortete die Katze und legte sich bequem in den Schatten.
„Ich bin auch ein Mensch, du bist ein Tier“, erklärte Luisa ihre Verwirrung.

„Da wo ich herkomme, gibt es diesen Unterschied nicht. Alles was existiert, kann sich untereinander verständigen“, berichtete die Katze.

„Auch existieren wir in Frieden und Liebe zusammen. Es gibt keinen Krieg, keinen Streit, keine Schmerzen. Niemand will dem anderen böses, und keiner von uns kennt die Angst. Aber mal abgesehen davon: Dies ist eigentlich nicht mein Körper, ich
habe ihn mir nur geborgt, um hier nicht so aufzufallen.“

„Wie siehst du denn sonst aus?“ fragte Luisa neugierig.

„Und außerdem: Wenn niemand bei euch die Angst kennt, woher weißt du dann, was es ist?“

„Ich war nicht immer dort. Früher habe ich mal hier, auf der Erde gelebt, und da habe ich gelernt, was Angst ist“, antwortete das Tier leise.

„Du hast mir noch nicht gesagt, wie du sonst aussiehst“, beharrte Luisa, „außerdem würde ich auch gerne wissen, wie du das hinbekommst, dieses Auftauchen, wie aus dem Nichts.“

„Ach, das ist gar nicht schwer, das kann jeder bei uns“, winkte die Katze ab, „und wie ich sonst aussehe, verrate ich dir, wenn wir uns ein bisschen besser kennen.“

„Es muss wunderschön bei euch sein“, überlegte Luisa, „nimmst du mich mal mit?“

 

Luisa! Luisa, kannst du mich hören?“

Die Stimme der Klassenlehrerin drang wie durch einem Nebel zu ihr. Luisa hob mühsam den Kopf, der komischer Weise auf der Tischplatte lag und sah, dass sie umringt war von ihren Mitschülern, die sie ängstlich anstarrten. Etwas lief aus ihrer  Nase und tropfte auf den Tisch. Blut. Nachdem die Lehrerin sie in das Zimmer des Schuldirektors gebracht und auf dessen Sofa gelegt hatte, rief sie Luisas Eltern an. Es dauerte nicht lange, bis diese aufgeregt erschienen und mit Luisa ins Krankenhaus
fuhren. Nach unzähligen Untersuchungen, lag Luisa nun in einem Bett, auf der Kinderstation. Die Ärzte hatten gesagt, dass sie, bis man die Ergebnisse der Untersuchungen hatte, im Krankenhaus, zur Beobachtung, bleiben sollte. Ihre Eltern hatten sich gerade verabschiedet und ihr versprochen, am nächsten Morgen wiederzukommen. Luisa lag im Halbdunkel des Raumes und konnte nicht schlafen. Ihre Kopfschmerzen waren verschwunden, und auch das Nasenbluten hatte aufgehört. Das Leben war unfair! Dadurch, dass sie hier bleiben musste, würde sie morgen die Katze verpassen. Jetzt, wo sie miteinander sprachen und sie erfahren sollte, wie das Tier wirklich aussah, hielt man sie hier fest. Es war wirklich zu dumm.

 



News

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Der zweite Teil der Aussenseiter Saga nimmt Formen an.

Soviel sei vorweg verraten:

Dieses Mal bekommen Christina, Jo und Noah es zwar mit einem wütenden Poltergeist und einem schwarzen Engel zu tun, doch der wahre Feind lauert im Verborgenen

 

Keine Ahnung, wer die Aussenseiter sind?

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