2019* Nebel, Seite 3

Je weiter ich mich dem Tal näherte, desto schlechter wurde das Wetter. Als ich den Wald erreichte, krochen bereits Nebelschwaden durch die Bäume.
»So ein Mist!« Ich musste über diese unbewusst mehrdeutige Wortwahl grinsen, wurde aber schnell wieder ernst, starrte auf den Nebel, der zwischen den Bäumen hing, und zog die Schultern hoch. Alle Geräusche waren verstummt und ich schien alleine in einer fremden Welt zu sein. Eine Gänsehaut überzog meinen Körper. Das sah nicht gut aus und es kam mir so vor, als würde der Nebel in Sekundenschnelle dichter. Vorsichtig ging ich weiter, aber ohne den Blick ins Tal war ich völlig aufgeschmissen und kam nur im Schneckentempo voran. Nervös versuchte ich, etwas zu erkennen, doch die Bäume, die aus dem Nebel ragten, sahen alle gleich aus. Mit klopfendem Herzen gestand ich mir ein, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich mich befand. Wieder blieb ich stehen. Falls ich mich für den falschen Weg entschied, lief ich nicht nur Gefahr, mich zu verlaufen, sondern auch abzustürzen. Ich konnte natürlich hierbleiben und warten, bis der Nebel sich verzogen hatte, aber was, wenn er sich nicht auflöste? Wenn es dunkel wurde, während ich darauf wartete? Dass ich den Weg dann fand, war ebenso ausgeschlossen. Zudem wurde es nachts in den Highlands empfindlich kalt. Es ließ sich nicht daran rütteln, ich steckte fest. Frustriert trat ich einen Stein aus dem Weg.
»Autsch!«, ertönte es irgendwo vor mir.
Ich zuckte zusammen, das Blut rauschte in meinen Ohren und mein Herz klopfte wie wild. Angestrengt starrte ich in den Nebel und machte erschrocken ein paar Schritte rückwärts, als nur einen Augenblick später eine Gestalt daraus auftauchte. Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, einen Geist zu sehen, denn es war ein Mann in Highland Tracht. Er trug einen Kilt und ein weißes Jakobiten Hemd. Verblüfft betrachtete ich ihn genauer. Der Mann war groß, dunkelhaarig, äußerst attraktiv, hatte einen Dreitagebart und rieb sich den Arm. Wäre er mit einem Schwert ausgestattet gewesen, hätte ich an die Möglichkeit von Zeitreisen geglaubt.
»Sie hätten auch rufen können«, sagte er jetzt statt einer Begrüßung und der Zauber verflog. »Steine schmeißen ist ein bisschen infantil, finden Sie nicht?« Seine Stimme klang genervt.
Ich starrte ihn mit immer noch rasendem Herzen an. Das war eindeutig kein Geist und nach der teuren Armbanduhr zu urteilen, die er trug und die mir erst jetzt auffiel, auch kein Zeitreisender aus der Zeit der Jakobitenaufstände. Somit stellte sich die Frage, wieso er bei solch einem Wetter unterwegs war und was er von mir wollte.
»Ich habe ihn nicht geschmissen, sondern getreten«, stellte ich klar, um überhaupt etwas zu sagen.
»Schon mal über eine Fußballkarriere nachgedacht?«, erkundigte sich Mr Schottland und trat einen Schritt näher.
»Bis jetzt nicht, aber danke für den Tipp.« Ich achtete darauf, den Abstand zwischen mir und ihm aufrechtzuhalten, während ich mich gleichzeitig nach einer Waffe umsah. Nur für den Fall der Fälle.
 »Was genau machen Sie hier oben?«, wollte mein Gegenüber wissen. Sein Blick glitt über das Midgesnetz und die Handschuhe, die ich trug, und blieb an meinen Wanderschuhen hängen.
Was für eine blöde Frage! »Ich übe Rückenschwimmen«, erklärte ich ihm freundlich. »Ohne Wasser fällt es leichter.«
Der Fremde grinste und zeigte dabei eine Reihe weißer, gepflegter Zähne. »Ich gebe zu, darauf wäre ich jetzt nicht gekommen. Sie sehen eher aus wie eine wildgewordene Imkerin auf der Suche nach einem verlorenen Schwarm. Ich bin übrigens Hamish MacGregor.«
»Sophie Meinhardt«, stellte ich mich vor und trat unauffällig einen Schritt näher an den Stein heran, den ich als Waffe auserkoren hatte. »Und wenn ich das Netz nicht benutze, fressen mich die Midges bei lebendigem Leib. Sie scheinen es auf mich abgesehen zu haben«, fügte ich hinzu und hätte ihm den Stein schon wegen der dusseligen Bemerkung gerne auf den Kopf gehauen. Als wenn ich nicht selbst wüsste, wie dämlich ich mit dem Netz aussah.
»Die Biester stehen auf Nichtschotten«, erklärte Hamish. »Sie haben süßeres Blut als wir.« Er sah mich prüfend an. »Sie sind die Schriftstellerin, die das Heather Hill Cottage gekauft hat«, stellte er fest.
»Und Sie im Vorteil, weil Sie wissen, wer ich bin, ich aber keine Ahnung habe, wer Sie sind«, gab ich zurück, machte einen weiteren Schritt und stand nun genau neben dem Stein.
Hamish sah mich ungläubig an. »Erstaunlich, dass mein Name keine Glocke zum Läuten bringt. Sonst weiß gleich jeder, wer ich bin. Ich wäre Ihnen übrigens dankbar, wenn Sie mich nicht mit dem Stein erschlügen, den Sie die ganze Zeit anvisieren.« Er schüttelte den Kopf und betrachtete mich mit hochgezogener Augenbraue. »Ihre Fixierung auf Gestein sollten Sie beizeiten untersuchen lassen. Bevor etwas Ernstes daraus wird.« Er reichte mir die Hand. »Kommen Sie, wir machen uns auf den Weg. Es gibt gemütlichere Orte als die Highlands im Nebel.«
Irritiert sah ich ihn an. Was bildete sich der Kerl ein? So umwerfend war er nun auch wieder nicht!
Seufzend ließ Hamish die Hand sinken. »Das kam wohl falsch rüber. Meinen Eltern gehört das Castle Hotel und wir sollten uns auf den Rückweg machen, bevor wir gar nichts mehr sehen. Da ich kein Seil dabeihabe und Sie nicht verlieren möchte, hilft nur Händchenhalten. Ohne jegliche romantische Bedeutung«, erklärte er mir geduldig.
Ich wurde rot. Natürlich, MacGregor. Er hatte recht, der Name hätte mir etwas sagen sollen. Schon allein, weil MacGregor senior vor Kurzem gestorben war. Das war also Hamish, sein Sohn, der nach Hause gekommen war, um das Hotel zu führen. Obwohl ich selten im Dorf war, hatte ich einiges über ihn aufgeschnappt. Das, was über seine Attraktivität gesagt wurde, stimmte. Hamish MacGregor war einen Kopf größer als ich und seine vollen, dunklen Haare sahen aus, als hätte er sie vor Kurzem gerauft, was ihm ein jungenhaftes Aussehen verlieh. Unter dem weißen Hemd zeichneten sich breite Schultern ab und in dem Kilt sah er einfach nur heiß aus. Ich fragte mich gerade, was er darunter trug, als er meine Gedanken unterbrach.
»Fertig mit der Musterung?«
Ich zuckte ertappt zusammen. »Fast. Mir fehlen nur noch die Schuhe.«
»Frauen und Schuhe!« Er verdrehte die Augen. »Wir sollten los.« Erneut streckte er mir die Hand entgegen.
Ich überlegte. Attraktiv oder nicht, jeder konnte behaupten, Hamish MacGregor zu sein. Auf der anderen Seite: Wenn er mir etwas tun wollte, hätte er es schon getan. Außerdem hatte ich keine Wahl. Ich reichte ihm die Hand und bekam einen Schlag.

News

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NEU: Es wird einen 4. und letzten Band geben, von dem bereits 7 Kapitel geschrieben sind.

 

Hinweis: Band 1 ist in sich abgeschlossen, aber Band 3 wird man ohne Band 2 nicht verstehen. Wer den also noch nicht kennt ...

 

 

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© Nicole Fünfstück schreibt