2019 * Nebel, Seite 2

Ich betrachtete die Sonnenstrahlen, die durch die Wohnzimmerfenster fielen, und in denen einige Staubkörnchen tanzten. Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal gründlich Staub gewischt? Ich griff zum Lappen und legte ihn gleich wieder zur Seite. Ich musste los, und zwar sofort. Wenn ich erst anfing zu putzen, war die Chance auf einen Spaziergang im Sonnenschein wahrscheinlich vorbei. Als ich das letzte Mal aus dem Fenster gesehen hatte, waren zwar nur vereinzelte Wolken am Himmel gewesen, doch in Schottland wurden aus wenigen Wolken schnell viele. Ich schmiss die Kaffeemaschine an und schmierte mir, während mein Lebenselixier durchlief, ein paar Brote. Als der Kaffee fertig war, goss ich mir etwas in eine Tasse, füllte den Rest in einen Thermobecher und stopfte die Brote in den Rucksack. Mit der Kaffeetasse in der Hand suchte ich eine Flasche Wasser, Handschuhe und ein Midgesnetz und packte sie dazu. Ich sah hinüber zu Mister Muh, der sein Futter inhaliert hatte und mich interessiert beobachtete.
»Ich gehe wandern, Käterchen«, erklärte ich ihm. »Ich bin aber bald wieder da.«
Ich stellte das Geschirr in die Spülmaschine, griff nach Rucksack und Thermobecher und schloss die Tür des Mudrooms hinter mir. Hier stieg ich in die Wanderstiefel, knotete mir die Jacke um die Hüften und verließ, mit einem breiten Sonnenhut in der einen und dem Thermobecher in der anderen Hand, das Haus. Die Luft war angenehm und roch nach feuchter Erde, Blumen und Schafen. Auf dem Grundstück neben meinem befand sich eine Schaffarm. Das dazugehörende Land war riesig und die Tiere kamen nur selten in die Nähe meines Gartenzauns, aber je nachdem, wie der Wind stand, roch man ihre Anwesenheit. Doch Schafe gehörten ebenso zu Schottland wie Regen. Ich trank einen Schluck Kaffee und verbrannte mir prompt die Lippen. Wann würde ich es lernen, dass die Getränke in einem Thermobecher mit der Zeit nicht kühler wurden? Deshalb nahm man das Ding ja schließlich. Leise fluchend durchquerte ich den Vorgarten und blieb erneut stehen. Loch Leven sah heute wieder aus wie ein Spiegel. Die dahinter aufragenden Berge hoben sich grün vom blauen Sommerhimmel ab und waren gleichzeitig deutlich auf der Wasseroberfläche zu sehen. Die Welt in der Welt.
Ich schloss das Gartentor hinter mir und bog nach rechts ab. Der Wanderweg zum Stausee begann nur ein paar Meter unterhalb des Grundstücks. Die Sonnenstrahlen zauberten goldene Flecken auf das allgegenwärtige Farnkraut und sprenkelten den Waldweg vor mir, der stetig nach oben führte. Ich folgte ihm langsam, trank dabei wesentlich vorsichtiger, aber nicht weniger genüsslich, meinen Kaffee und lauschte dem Gezwitscher der Vögel. Während des Aufstiegs kam ich an einer halbverfallenen, moosbewachsenen Steinmauer vorbei, hinter der die Reste eines Cottages standen. Disteln und Farnkraut wuchsen in dem, was einst der Vorgarten gewesen war. Ich blieb stehen und strich über das samtige Moos der Steine. Jedes Mal, wenn ich hier vorbeikam, hatte ich das Gefühl, als wolle das Anwesen mich auf die Vergänglichkeit von allem hinweisen. Meine Protagonisten schien es heute allerdings zu ganz anderen Dingen zu animieren. Schnell holte ich mein Notizbuch aus dem Rucksack und notierte, was mir durch den Kopf ging. In Gedanken versunken wanderte ich anschließend weiter und bemerkte erst, dass ich mich verlaufen hatte, als ich unvermittelt vor einem gerodeten Waldstück stand. Ein schmaler Wanderweg wand sich links von mir den grünen, mit Heidekraut bewachsenen Berg hinauf, während ein Forstweg rechts durch gefällte Bäume und Baumstümpfe erst nach oben und dann nach unten führte. Die Holzgewinnungsarbeiten hatten vor ein paar Tagen begonnen und dass ich ihre Auswirkungen betrachten konnte, bedeutete, dass ich zu weit gegangen war. Zögernd sah ich mich um und kratzte mich an der Hand. Verflixt, Midges. Hastig holte ich das Netz aus dem Rucksack, zog es über den Hut und schlüpfte in Jacke und Handschuhe. Auf diesen Teil der schottischen Natur hätte ich gut verzichten können. Die Midges, winzige Mücken, jagten in Schwärmen. Sie stachen nicht, sondern bissen, und wenn man auf sie allergisch reagierte, wie ich, dann sah man nach einem Tag in den Highlands aus, als hätte man die Beulenpest. Nachdem ich mich vor den kleinen Biestern geschützt hatte, betrachtete ich den Berg vor mir. Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder folgte ich dem Wanderweg nach links und stieß irgendwann hoffentlich wieder auf den ursprünglichen Pfad oder ich ging auf Nummer sicher, kehrte um und suchte die Abzweigung, die ich im Wald übersehen hatte.
Leise schimpfend entschied ich mich für die zweite Möglichkeit, gelangte eine halbe Stunde später an die richtige Kreuzung und folgte dem Weg nach oben. Obwohl ich langsam ging, war ich völlig außer Atem, als ich endlich am Stausee ankam. Ich stützte die Hände auf die Oberschenkel, holte mehrfach Luft und beobachtete die Schafe und Lämmer, die wie fast überall in den Highlands frei herumliefen. Mein Blick fiel auf die weißen, flauschigen Enden des Wollgrases, die ich früher für Schafwolle gehalten hatte, und dann auf den Stausee. Ich fröstelte. Im Gegensatz zu den Lochs, wirkte er auf mich bedrohlich. Das Wasser war schwarz, tief und hatte eine vorher lebende Welt unter sich begraben. Es fiel mir nicht schwer, mir vorzustellen, wie etwas Schleimiges aus den Tiefen emporstieg, um aus dem Wasser zu kriechen und ...
»Mähhh«, machte es hinter mir. Ich schrie vor Schreck auf und fuhr herum.
Ein Schaf sah mich aus schwarzen Augen fragend an, während sein Lamm sich ängstlich hinter ihm versteckte.
Ich lachte zitternd. »Frag nicht, Autorengedanken«, erklärte ich dem Tier, das nun, gefolgt von seinem Nachwuchs, weiterlief. Ich sah den beiden hinterher. Über dem Berg vor mir hingen dicke Wolken. Eigentlich hatte ich geplant, noch ein Stück weiterzugehen und dann ein Picknick zu machen doch es war wohl besser, umzukehren. Mein Magen knurrte protestierend. Nur Kaffee war ihm entschieden zu wenig. Ich öffnete meinen Rucksack, schlug genervt nach den Midges, die mich umschwärmten, wobei ich mir durchaus bewusst war, dass ich damit nichts ausrichtete, und holte ein Butterbrot heraus. Blitzschnell, bevor die Midges davon Wind bekamen, schob ich Hand und Brot unter das Netz. Nach dem ich meinen Magen versöhnlich gestimmt hatte, machte ich mich auf den Rückweg.

News

Für alle Schottland Fans:

Der erste Teil des neuen "Jessie Coe" (Roman für Erwachsene, Untertitel Schatten in den Highlands) ist im Lektorat und wird im November 2021 erscheinen. Er spielt, wie der Untertitel schon sagt, wieder in Schottland. Diesmal geht es quer durchs Land.

Cover Reveal und Titel gibt es im Oktober ...

 

Da die Geschichte von Eve, Baigh und Taylor nicht in einem Buch erzählt ist, gibt es einen zweiten Band. Er ist fertig und die erste Version bei den Testleserinnen.

Hier ist die Veröffentlichung für April 2022 geplant.

 

Auf Instagram und Facebook stelle ich den ersten Band vor.

Die Links zu meinen Seiten findet ihr hier social media

 

 

 

Die Aussenseiter:

Meine Leser sind der Meinung, das man "Die Aussenseiter und der Kampf um den Buchladen" auch auch ohne 

Vorkenntnisse prima lesen kann. (siehe Rezensionen)

 

TROTZDEM: Allen die wissen möchten, wie X und Tina sich kennengelernt haben, lege ich  "Die Aussenseiter und die Rache des Poltergeists" ans Herz. 

 

Übrigens: Das "SS" im Titel ist gewollt. Es ist das Erkennungszeichen der Reihe und entstanden, weil ich für den Band "Die Aussenseiter und das Buch der Schatten", zuerst eine Schriftform gewählt hatte, in der es kein ß gab. Ich habe es dann  beibehalten, obwohl ich es in das korrekte "ß" hätte umwandeln können. 

Ich finde es einfach kurios und besonders.

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© Nicole Fünfstück schreibt